I.26.

26. Löwenzahn

Das "Unkraut vom Wegrand", das in Wirklichkeit zugleich Inulin-Prebiotikum, Lebertonikum und Vitamin-K-Bombe ist.

Lateinisch: Taraxacum officinale Weber ex F. H. Wigg. (Asteraceae)

" evidenz="★ ★ (kleine Humaninterventionen; präklinische hepatoprotektive und diuretische Daten)" mikrobiota="Inulin (Substrat für Bifidobacterium, Faecalibacterium prausnitzii); FOS-ähnliches Fruktan"]

🎯 Das Wichtigste in 1 Minute

Was liefert es? Inulin (≈ 12–40 g/100 g Trockenmasse in der Wurzel, Höchstwert im Herbst – eine der reichsten natürlichen Inulinquellen), Vitamin K1 (≈ 778 μg/100 g – vergleichbar mit Grünkohl), Vitamin-A-Vorläufer (β-Carotin, ≈ 5800 μg/100 g), Kalium (≈ 397 mg/100 g) und bittere Sesquiterpenlactone (Taraxinsäure, Taraxasterol) – mit verdauungsanregender und gallenflussfördernder Wirkung [2784].

Wie viel? Frische Blätter als Salat 30–60 g/Portion (junge Frühlingsblätter sind am wenigsten bitter), geröstete Wurzel als Tee 1–2 TL gemahlenes Material/Portion, wöchentlich 2–3×. In der Kräuterheiltradition Wurzelextrakt täglich 4–10 g Trockenmasse.

Wann meiden? Asteraceae-Allergie (Kreuzreaktion mit Ambrosia), Gallensteine (die Anregung des Gallenflusses kann eine Kolik provozieren), Gallengangsverschluss, schwere Nierenerkrankung (Kalium), Warfarin (hohes K1), IBS-Schub (Inulin FODMAP-reich), Therapie mit Calciumkanalblockern oder Lithium (diuretische Interaktion), Schwangerschaft und Stillzeit (schwache Evidenz, Kräuterdosis zu meiden).

📜 Historischer Überblick

Löwenzahn ist eine uralte wilde Heilpflanze Eurasiens, die bereits im "Kanon" Avicennas aus dem 11. Jahrhundert unter dem Namen "taraxacon" für Gallen- und Leberleiden beschrieben wird. In den mittelalterlichen Klostergärten war der Löwenzahn ("dent de lion" – Löwenzahn, nach dem gezackten Blatt) die Leitpflanze der frühlingshaften Entgiftungskuren. In der ungarischen Volksmedizin wurden sowohl die Löwenzahnblüte als auch die Wurzel verwendet: Blüten in Honig eingelegt gegen Husten, die Wurzel geröstet und als "Löwenzahnkaffee" getrunken. Zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert wurde er in Europa verbreitet als Salatpflanze angebaut; die französische Küche verwendet ihn bis heute unter dem Namen "pissenlit". Die geröstete Löwenzahnwurzel als "Kaffeeersatz" ist ein sinnbildliches Getränk der mageren Jahre des Ungarns der Zwischenkriegszeit.

Wissenschaftlicher Hintergrund

Löwenzahn bietet drei klinisch interessante Komponentengruppen. (1) Inulin (und FOS-ähnliches Fruktan): Die Wurzel kann im Herbst bis zu 40 g Inulin/100 g Trockenmasse enthalten (Roberfroid 2007 J Nutr) [875], womit sie zu den konzentriertesten natürlichen Prebiotikaquellen zählt. Inulin ist ein langkettiges Fruktan, das den Dünndarm unverdaut passiert und im Dickdarm selektiv Bifidobacterium-, Faecalibacterium prausnitzii- und Anaerostipes-Populationen nährt, mit einer Steigerung der SCFA (Slavin 2013 Nutrients) [879]. Klinisch senkt es die postprandiale Glukose und verbessert die Calciumaufnahme.

(2) Hepatoprotektive und choleretische Wirkung: Die Sesquiterpenlactone Taraxinsäure und Taraxasterol zeigen in präklinischen Modellen eine Anregung des Gallenflusses, eine Induktion mikrosomaler Leberenzyme und hepatoprotektive Effekte (Schütz 2006 J Ethnopharmacol) [2781]. Die Humandaten sind begrenzt; eine kleine Pilotstudie (Clare 2009) berichtet, dass 8 g getrocknete Wurzel 4×/Tag eine harnvolumensteigernde (mild diuretische) Wirkung haben [2783].

(3) Vitamin K1 und Carotinoide: Das frische Blatt ist im K1- und β-Carotin-Gehalt herausragend (im höheren Bereich als Spinat) – bedeutsam aus Sicht von Knochen und Gerinnung, doch die Warfarin-Vorsicht gilt.

Aus mikrobiomischer Sicht ist das Inulin der Löwenzahnwurzel eine gesunde natürliche Alternative zu handelsüblichen Inulinpräparaten – die Studie von Vandeputte (2017, Gut) zeigte, dass eine tägliche Zufuhr von 10 g Inulin über 4 Wochen die relative Häufigkeit von Bifidobacterium signifikant erhöhte und postprandiale Entzündungsmarker senkte [2782].

✅ Gut kombinierbar mit
  • + Mediterrane Salatmatrix (Rucola, Zitronensaft, Olivenöl): mildert die leichte Bitterkeit, Fett für die Aufnahme von K1 und β-Carotin.
  • + Apfelessig oder Zitrone: in Verbindung mit Säure ist der Geschmack harmonisch, und die Bioverfügbarkeit der Mineralstoffe ist besser.
  • + Gerösteter Zichorienwurzel- + Löwenzahnwurzeltee: doppeltes Inulinsubstrat, "leberreinigendes" Kaffeeersatz-Muster.
  • + Kochen + Kochwasser behalten (Wurzel als Gemüsegericht): die gesamte Inulinmenge bleibt erhalten.
  • + Schrittweise Einführung: Beginnen Sie mit ¼ Portion inulinhaltiger Wurzel und steigern Sie wöchentlich, damit sich die Mikrobiota anpasst und Sie anfängliche Blähungen vermeiden.
🚫 Nicht kombinieren mit
  • Diuretische Medikation + große Mengen Löwenzahnextrakt: Risiko additiven Wasser- und Kaliumverlusts – nicht mit therapeutischen Dosen kombinieren.
  • Antikoagulans (Warfarin) + große Mengen frischer Löwenzahnblätter: K1-Instabilität → INR-Schwankungen.
  • Lithiumtherapie: die diuretische Wirkung des Löwenzahns kann den Serum-Lithiumspiegel erhöhen.
⚠️ Wann zu meiden – krankheitsspezifisch
  • Aktive Gallensteine, Gallengangsverschluss: die Anregung des Gallenflusses kann eine Kolik provozieren.
  • Asteraceae-Allergie (Ambrosia, Chrysantheme, Kamille): Kreuzreaktion, Hautreaktionen.
  • IBS-Schub, FODMAP-Eliminationsphase: Inulin ist FODMAP-reich – meiden.
  • Chronische Nierenerkrankung (CKD 3–5): Kaliumlast.
  • Schwangerschaft, Stillzeit: Kräuterdosis zu meiden (begrenzte Sicherheitsdaten).
  • Hohes Hypoglykämierisiko (Insulin, Sulfonylharnstoff): eine theoretische blutzuckersenkende Wirkung kann additiv sein.
❌ Mythen und ihre Widerlegung

"Löwenzahn entgiftet die Leber – in wenigen Tagen sind Sie gereinigt." Teilweise ein Mythos. Löwenzahn hat in präklinischen Modellen tatsächlich gallenflussfördernde (choleretische) und mild hepatoprotektive Wirkungen, doch das "Ausschwemmen von Giftstoffen" ist eine Laienlehre. Die Phase-II-Entgiftung der Leber ist ein fortlaufender enzymatischer Prozess, keine episodische "Reinigung". Ein regelmäßiger, mehrmals wöchentlicher Verzehr ergibt einen unterstützenden, keinen "kurartigen" Effekt.

"Löwenzahnwurzelkaffee ersetzt den Kaffee." Teilweise ein Mythos. Der Geschmack nach dem Rösten erinnert an Kaffee, doch er enthält KEIN Koffein, ist dafür inulinprebiotisch und leberunterstützend – ein anderes physiologisches Profil. Für Menschen, die sich vom Kaffee entwöhnen und ein warmes, bitteres Getränk möchten, ist er eine gute Alternative, aber nicht "dieselbe Wirkung".

"Der weiße Milchsaft des Löwenzahns ist giftig." Irrig. Der weiße Latex, der aus dem Löwenzahnstängel fließt, ist leicht bitter und kann die Haut verfärben, ist für gesunde Erwachsene aber nicht toxisch. Viel roh verzehrter Latex kann mild abführend wirken, doch das ist die Inulinwirkung.

Literatur

[875] Roberfroid M. Inulin-type fructans: functional food ingredients2007;137(11 Suppl):2493S–2502S. J Nutr. Link

[879] Slavin J. Fiber and prebiotics: mechanisms and health benefits2013;5(4):1417–1435. Nutrients. Link

[2781] Schütz K, Carle R, Schieber A. Taraxacum — a review on its phytochemical and pharmacological profile. Journal of Ethnopharmacology. 2006. Link

[2782] Vandeputte D, Falony G, Vieira-Silva S, Wang J, Sailer M, Theis S, Verbeke K, Raes J. Prebiotic inulin-type fructans induce specific changes in the human gut microbiota. Gut. 2017. Link

[2783] Clare BA, Conroy RS, Spelman K. The diuretic effect in human subjects of an extract of Taraxacum officinale folium. Journal of Alternative and Complementary Medicine. 2009. Link

[2784] . Dandelion greens, raw. USDA FoodData Central. 2019. Link

[2785] . Dandelion root and greens — FODMAP serving guidance. Monash University FODMAP. 2023. Link

PG
Lebensmittel-Handbuch · Autoren: Dr. Patay Gábor — Arzt, Mikrobiota-Spezialist · Dr. Bezzegh Attila — ärztlicher Direktor, klinischer Mikrobiologe · Dra. Anna Munar — Ärztin, Exposom-Spezialistin
MicroBiome Bank — medizinisch geprüfte Fachinhalte. Letzte Aktualisierung: 2026.