5. Natto
Die weltweit konzentrierteste MK-7-Quelle (Vitamin K₂) – mit Bacillus fermentierte Soja mit Nattokinase. Mit Warfarin STRENG verboten.
Was liefert es? MK-7 (Vitamin K₂) – die konzentrierteste natürliche Quelle der Welt (≈ 700–1000 µg/100 g), Nattokinase (ein fibrinolytisches Enzym), γ-Polyglutaminsäure (γ-PGA), lebende bzw. sporenförmige Bacillus subtilis.
Wie viel? 30–50 g (≈ 1 kleine Packung) täglich oder 3- bis 4-mal wöchentlich. Gekühltes/gefrorenes Produkt.
Wann meiden? ⚠️ Mit WARFARIN streng VERBOTEN – das viele MK-7 stört den INR. Histaminempfindlichkeit, Peptidempfindlichkeit.
Die Geschichte des Natto beginnt mit einer Samurailegende: Der Überlieferung nach ließ der Provinzherr Minamoto no Yoshiie während des Gōsannen-Kriegs im späten 11. Jahrhundert auf einem Feldzug gekochte Sojabohnen in Reisstroh einwickeln, und bis das Heer sein nächstes Lager erreichte, hatten die im warmen Stroh natürlich vorhandenen Sporen von Bacillus subtilis die Bohnen in eine fermentierte, fädenziehende, klebrige Variante verwandelt. Ihre erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1405 unter dem Namen "itohiki daizu" – "fädenziehende Sojabohne" –, und vom Mittelalter an wurde sie sowohl von der Bushi-Schicht als auch als Wintereiweiß in Bauernhaushalten gegessen. Bis zum frühen 20. Jahrhundert wurde Natto in fast jedem Haushalt mit eigenen Strohbündeln hergestellt – dem sogenannten Wara-Natto.
In der späten Meiji-Zeit (1905) isolierte der Mikrobiologe Hanzaburo Sawamura an der Kaiserlichen Universität Tokio Bacillus subtilis var. natto in Reinkultur, und von da an wurde eine kontrollierte industrielle Produktion ohne Stroh möglich. Natto steht jedoch nicht allein: Verwandte, mit Bacillus fermentierte Sojaprodukte gibt es in China (shuǐdòuchǐ), Korea (cheonggukjang) und Nepal (kinema), doch der Gehalt an Vitamin K₂ (MK-7) ist im japanischen Natto bei Weitem am höchsten – mehr als 700 µg/100 g –, weshalb es in den letzten Jahrzehnten auf die Landkarte der Osteoporoseforschung gelangt ist. Heute ist Natto ein stolzer Teil der japanischen Washoku-Kultur und weltweit in gekühlter/gefrorener Verpackung erhältlich.
Wissenschaftlicher Hintergrund
Natto ist gekochte Sojabohne, die von einem aeroben sporenbildenden Bakterium fermentiert wird – Bacillus subtilis var. natto. Der Bacillus bildet drei klinisch relevante Metabolitfamilien:
1. MK-7 (Menachinon-7, Vitamin K₂): MK-7 ist das Mitglied der Vitamin-K-Familie mit der längsten Halbwertszeit (~3 Tage, gegenüber MK-4 mit ~Stunden), und genau deshalb ist es am wirksamsten darin, Calcium in den Knochen einzubauen. Der MK-7-Gehalt des Natto ist außergewöhnlich (~ 775–1000 µg/100 g), eine Portion von 50 g ≈ 400 µg MK-7 – ein Vielfaches jedes anderen Lebensmittels. In einer Humanintervention erhöhte der Nattoverzehr die zirkulierenden MK-7-Spiegel und die Osteocalcin-Carboxylierung (funktionelle Vitamin-K-Wirkung) [1622].
2. Nattokinase: Eine fibrinolytische Serinprotease, in den 1980er-Jahren von Sumi isoliert [1623]. Die SUPPLEMENTFORM der Nattokinase (NICHT das Lebensmittel Natto!) zeigte in RCTs eine mäßige Blutdrucksenkung und einen Rückgang prothrombotischer Marker (vWF, Fibrinogen) [1627]. Hitzeempfindlich – bei ≥ 60–70 °C inaktiviert.
3. γ-PGA (γ-Polyglutaminsäure): Die Quelle der "fädenziehenden" Textur des Natto. In einem Human-RCT bewirkte eine Kombination aus γ-PGA + GOS eine Zunahme von Bifidobacterium longum↑ sowie eine Verbesserung von Darmfunktion und Stimmung [1628].
Knochen: In prospektiven japanischen Kohorten ist ein hoher Nattoverzehr mit einem geringeren Risiko osteoporotischer Frakturen assoziiert [1625]; eine ökologische Analyse zeigte auf Präfekturebene eine negative Korrelation zwischen Nattoverzehr und der Inzidenz von Hüftfrakturen [1624].
Mikrobiota: In humanen Stichproben nach dem Verzehr eine vorübergehende kompositionelle Veränderung und Nachweisbarkeit von Bacillus – die Sporen zeigen ein Überleben im Magen-Darm-Trakt und eine vorübergehende Besiedlung.
Warfarin-Warnung: Der MK-7-Gehalt des Natto ist so hoch, dass eine einzige Portion die INR-Stabilität während einer Warfarintherapie tagelang stören kann. Das ist eine absolute Kontraindikation, keine Portionsfrage.
- + Heißem Reis (nicht kochend heiß, auf warm abgekühlt): klassisches japanisches Frühstück – RS3-Reis + Natto = synbiotisches Muster.
- + Senf + Sojasauce + Frühlingszwiebel: das klassische "Karashi-Natto" – die Aromen beeinträchtigen die Carboxylierung nicht.
- + Fett, das die K-Vitamin-Aufnahme fördert (Sesamöl, Avocado): MK-7 ist fettlöslich, zusammen besser bioverfügbar.
- + Calciumquellen (Blattgemüse, kleine Fische, Tofu): komplementäre knochenaufbauende Matrix.
- + Vitamin D (Sonnenlicht, Fisch): K₂ + D₃ wirken beim Knochenaufbau synergistisch.
- + Lebendem Joghurt, Kimchi, Sauerkraut: Ernährung mit mehreren fermentierten Lebensmitteln.
- ⚠️ Warfarin (Marcoumar, Coumadin): STRENG VERBOTEN – jede Menge stört den INR.
- DOAK (Apixaban, Rivaroxaban, Dabigatran, Edoxaban): Theoretisch ist die Wechselwirkung gering (sie sind unabhängig von Vitamin K), doch wegen der fibrinolytischen Aktivität der Nattokinase ist beim Blutungsrisiko Vorsicht geboten.
- Aspirin, Clopidogrel in hohen Dosen: theoretisch additives Blutungsrisiko – individuelle Beurteilung.
- Kochen (≥ 70 °C): zerstört die Nattokinase und die lebenden Bacillus-Zellen (die Sporen überleben).
- Na-reichen Mahlzeiten: wenn viel Sojasauce + Miso zusammenkommen – Na-Überlastung.
- Levothyroxin (T4): Sojaisoflavone stören – ≥ 4 Stunden Abstand.
- ⚠️ WARFARINTHERAPIE: STRENGE KONTRAINDIKATION. Der MK-7-Gehalt des Natto ist ein Vielfaches des Tagesbedarfs; der INR wird tagelang instabil sein.
- Aktive Blutung, kürzlicher Schlaganfall, hämorrhagische Genese: Nattokinase ist fibrinolytisch – zu meiden.
- Geplante Operation innerhalb von 2 Wochen: absetzen (Blutungsrisiko).
- Schwere Thrombozytopenie: zu meiden.
- Histaminintoleranz: Die Bacillus-Fermentation kann biogene Amine bilden (Tyramin, β-Phenylethylamin) – mit einer kleinen Portion testen.
- Schilddrüsenerkrankung mit Levothyroxin-Substitution: Isoflavone – ≥ 4 Stunden Abstand.
- Schweres Nierenversagen: Vorsicht vor einer Vitamin-K-Überlastung (obwohl natürliches MK-7 aus der Nahrung im Allgemeinen keine Überdosierung verursacht) [1629].
- Säuglinge < 1 Jahr, Schwangere: begrenzte Sicherheitsdaten für hohe Dosen – Speisemengen sind wahrscheinlich sicher.
- Sojaallergie: streng meiden.
"Natto = Nattokinase-Pille." Ein MYTHOS. Das Lebensmittel Natto hat einen schwankenden Nattokinasegehalt (hitzeempfindliches Enzym), und viel geht bei Lagerung und Erhitzen verloren. Nattokinase-Präparate (Kapseln) haben eine standardisierte Aktivität (FU/g – Fibrineinheiten). Die klinischen RCTs zu Blutdruck und prothrombotischen Markern beziehen sich auf die SUPPLEMENTFORM, NICHT unmittelbar auf das Lebensmittel Natto.
"Natto = Allheilmittel bei Osteoporose." Teilweise wahr. Das viele MK-7 liefert eine bedeutende funktionelle Vitamin-K-Wirkung, und Kohortendaten zeigen eine günstige Hüftfrakturinzidenz. ABER: Es gibt noch wenige Lebensmittel-RCTs mit BMD-/Frakturendpunkten [1626], und nur das gesamte Ernährungsmuster (Ca + D + K₂ + Bewegung) wirkt zusammen.
"Natto darf jeder essen, solange er kein Warfarin nimmt." Überwiegend wahr, doch unter DOAK (Apixaban usw.) birgt die fibrinolytische Aktivität der Nattokinase ein theoretisches Blutungsrisiko – individuelle Beurteilung.
"Nattosporen besiedeln dauerhaft." Ein Mythos. Humandaten bestätigen das Überleben der Sporen von Bacillus subtilis var. natto im Magen-Darm-Trakt, doch die Besiedlung ist VORÜBERGEHEND – sie verschwindet, wenn der Verzehr eingestellt wird. Zur Aufrechterhaltung der Wirkung ist eine kontinuierliche Zufuhr über die Nahrung nötig.
"Der Geschmack muss schlecht sein." Subjektiv. Natto hat ein intensives umami-ammoniakalisches Profil, das für europäische Gaumen ungewohnt ist. Mit Senf + Sojasauce + Frühlingszwiebel gleicht sich der Geschmack aus. Die Textur (fädenziehend, "klebrig") ist gewöhnungsbedürftig.
"Gekochtes Natto ist genauso gut." NEIN. Bei ≥ 70 °C wird die Nattokinase inaktiviert und die lebenden Zellen (vegetativer Bacillus) sterben ab – es bleiben nur Sporen, MK-7 und Peptide. Das klassische kalte bzw. raumtemperierte Frühstücksnatto liefert das vollständige Profil.
Tagesportion
30–50 g (1 kleine Handelspackung) täglich oder 3- bis 4-mal wöchentlich.
Zubereitungsmuster – japanisches Frühstück
- 1 Packung Natto (40 g) – auf Raumtemperatur aufgetaut (falls es gefroren war).
- 30 Sek. kräftig rühren, bis es weiß, fädenziehend und schaumig ist.
- Den beiliegenden Senf + die Sojasauce zugeben.
- Über 200 ml warmem (nicht heißem) Reis oder in einer Schale servieren.
- Mit fein gehackter Frühlingszwiebel, wahlweise mit rohem Ei toppen.
Klassische Muster
Natto-don: Reis + Natto + Ei + Frühlingszwiebel.
Natto + Avocado: Der Fettgehalt unterstützt die MK-7-Aufnahme.
Natto-Tekkamaki: als Sushibegleitung.
Smoothie (veganer B12-Hack): Banane + Sojadrink + 1 EL Natto – ungewöhnlich, aber eine B12-Quelle.
Frühstücksdip: Natto + Miso + Sesamöl – Gemüsedip.
Lagerung
Gekühlt 7–10 Tage (es reift weiter). Gefroren 3 Monate – 24 Stunden im Kühlschrank auftauen. Weiße Tyrosinkristalle an der Oberfläche sind normal.
Was Sie vermeiden sollten
Nicht bei ≥ 70 °C kochen – die Nattokinase geht verloren. Nicht länger als 2 Stunden bei Raumtemperatur stehen lassen. Nicht IN IRGENDEINER MENGE mit einer Warfarintherapie kombinieren.
Literatur
[1622] Schurgers LJ et al. Vitamin K-containing dietary supplements: comparison of synthetic vitamin K1 and natto-derived menaquinone-72007;109(8):3279–3283. Blood. Link
[1623] Sumi H et al. A novel fibrinolytic enzyme (nattokinase) in the vegetable cheese Natto1987;43(10):1110–1111. Experientia. Link
[1624] Kojima A et al. Natto intake and bone mineral density 2020. Eur J Clin Nutr. 2020.
[1625] Ikeda Y et al. Intake of fermented soybeans, natto, is associated with reduced bone loss in postmenopausal women: Japanese Population-Based Osteoporosis Study2006. J Nutr. Link
[1626] Knapen MH et al. Three-year low-dose menaquinone-7 supplementation helps decrease bone loss in healthy postmenopausal women2013. Osteoporos Int. Link
[1627] Chen H et al. Nattokinase: a promising alternative in prevention and treatment of cardiovascular diseases2018;13:1177271918785130. Biomark Insights. Link
[1628] Ozawa Y et al. γ-PGA + GOS clinical trial — increase. J-STAGE. 2020. B. longum. 2020.
[1629] EFSA. Menaquinone (K₂) safety assessment2017. EFSA Journal. Link

