IX. Fermentierte Milchprodukte

IX. 9. Labneh

Der nahöstliche abgetropfte Joghurt – ein cremiges lebendes Milchprodukt mit mediterranen Kräutern, in der Dichte zwischen Käse und griechischem Joghurt.

Lateinisch: Bos taurus / Capra aegagrus / Ovis aries (Kuh-, Ziegen- oder Schafsmilch) + Streptococcus thermophilus + Lactobacillus delbrueckii + langes Abtropfen der MolkeFODMAP: 🟡 mittel natur / 🟢 niedrig lactosefreiEvidenz: ★ ★ (EFSA zu lebenden LAB + nahöstliche Bevölkerungsdaten)Mikrobiota: Lebende LAB + dichte Caseinmatrix + postbiotisch
🎯 Das Wichtigste in 1 Minute

Was liefert es? "Labneh" (لبنة, arabisch "kleine Milch", "quarkartiger" Inhalt) ist der klassische nahöstliche abgetropfte Joghurt – hergestellt durch mehrstündiges bis tagelanges Abtropfen der Molke, in der Dichte zwischen griechischem Joghurt und Frischkäse. Viel Protein (8–11 g/100 g), caseindominiert. Lebende LAB (10⁶–10⁸ CFU/g), aktive β-Galactosidase (EFSA-Aussage zur Lactoseverdauung). Klassisches Servieren: mit Olivenöl, der Gewürzmischung Za'atar und frischem Pitabrot.

Wie viel? 50–150 g Naturlabneh täglich (in der mediterran-nahöstlichen Ernährung).

Wann meiden? Kuhmilcheiweißallergie (streng); Galaktosämie (absolut); schwere Lactoseintoleranz (weniger Lactose, doch empfindliche Personen können dennoch reagieren – lactosefreie Version oder Schaf-/Ziegenbasis wählen); pasteurisierte, ungekühlt haltbare Versionen (wenig LAB); ≥ 2 Stunden Abstand zu Levothyroxin und Eisenpräparaten; Säugling < 6 Monate.

📜 Historischer Überblick

Labneh ist ein mehrere tausend Jahre alter Eckpfeiler der nahöstlichen und nordafrikanischen Küchen – die molkenabgetropfte fermentierte Milchform der antiken mesopotamischen und levantinischen Hirten. Sowohl das arabische "labneh" ("لبنة") als auch das hebräische "lebene" ("לבנה") gehen auf "leben" ("Joghurt") zurück. Das klassische nahöstliche Frühstück – Labneh + Olivenöl + Za'atar + Pita – ist eine jahrhundertealte libanesische, palästinensische, syrische und jordanische Tradition. "Labneh-Kugeln" (kleine Kugeln aus dichtem Labneh, in Öl aufbewahrt) sind eine traditionelle Methode der Winterkonservierung im Libanon.

Im Zuge der modernen Globalisierung gelangte Labneh in den 2010er-Jahren auf den westlichen "Superfood"-Markt. Die klinische Mikrobiomforschung (Sanlier 2019, Marco 2017) behandelt die nahöstlichen abgetropften Fermente – Labneh, Ayran, Kefir – in der Kategorie "mediterrane LAB-Matrix". [1693] In nahöstlichen Bevölkerungen ist der durchschnittliche tägliche Verzehr abgetropfter Fermente hoch und mit einer günstigen Knochengesundheit und einem günstigen Stoffwechselprofil verbunden – als Milchproduktkomponente der "mediterranen Ernährung".

Wissenschaftlicher Hintergrund

Herstellungsprozess des Labneh:

  1. Joghurtbasis: klassischer Joghurtstarter (Streptococcus thermophilus + Lactobacillus delbrueckii subsp. bulgaricus), 6–8 Stunden bei 42 °C.
  2. Salzen: ½–1% Salz zur Unterstützung des Molkeabtropfens.
  3. Molkeabtropfen: auf einem Käsetuch, schwerkraftbedingt, 12–48 Stunden (im Kühlschrank). Längeres Abtropfen → dichteres Labneh. Klassisch: 24 Stunden.
  4. Verpackung: gekühlt oder als Labneh-Kugeln in Öl (Winterkonservierung).

Laut Codex Alimentarius gehört Labneh in die Kategorie "concentrated fermented milks" – dem griechischen Joghurt ähnlich, traditionell aber mit längerem Molkeabtropfen und stärkerem Salzen. [1716]

Nährstoffmatrix: 8–11 g Protein/100 g, 6–10 g Fett/100 g (je nach Fettgehalt der Milchbasis), 100–150 mg Calcium/100 g. Das Casein-Molken-Verhältnis ist milchtypisch (80:20).

Lebende LAB: In der frischen traditionellen Version 10⁶–10⁸ CFU/g – die EFSA-Aussage gilt (Lactoseverdauung). [1715] Industrielle Versionen mit langer Haltbarkeit sind pasteurisiert.

Klinische Studien: Eigens dem Labneh gewidmete große RCTs sind nach wie vor begrenzt. Die allgemeinen glykämischen und blutdruckbezogenen Wirkungen konzentrierter Fermente vom Joghurttyp (Labneh, griechischer Joghurt, Skyr) sind in Monografien wie Tamime & Robinson 2007 Yoghurt: Science and Technology und in Übersichtsarbeiten zu fermentierten Milchprodukten (Wallace 2018, Marco 2017) zusammengefasst. Nahöstliche Bevölkerungsdaten zeigen, dass die an Labneh + Oliven reiche Ernährung (libanesisch-mediterran) mit einer niedrigen Inzidenz von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden ist.

Mikrobiomwirkung: Wallace (2018 J Food Sci) und Marco (2017 Curr Opin Biotechnol) berichten, dass traditionelle abgetropfte Fermente (Labneh, griechischer Joghurt, Skyr) die Bifidobacterium- und Lactobacillus-Werte erhöhen und eine günstige SCFA-Matrix liefern. [107]

Ziegen-/Schafslabneh (libanesische Tradition): Aus Ziegenmilch hergestelltes Labneh hat ein A2-ähnliches Caseinprofil (bessere Verträglichkeit für kuhmilchempfindliche Personen – siehe IX.5 Ziegenmilchfermente) und einen höheren MFGM-Gehalt.

✅ Gut kombinierbar mit
  • + Olivenöl, Za'atar (Thymian + Sesam + Sumach): klassisches libanesisches Frühstück.
  • + Frischem Pita, Manakish: traditionell.
  • + Frischem Grün (Tomate, Gurke, Radieschen, Minze): mediterraner Salat.
  • + Oliven, Kapern, Zitronenschale: Geschmacksvertiefung.
  • + Sumach + Sesam: Gewürzsymbol.
  • + Beeren (Erdbeere, Heidelbeere): Dessertvariante.
🚫 Nicht kombinieren mit
  • Zugesetztem Zucker: verschlechtert das Stoffwechselprofil.
  • Na-reichen Lebensmitteln (Käse, Wurst): Labneh + zugesetztes Salz → Na-Überlastung.
  • Levothyroxin (T4): Calciumchelierung – Abstand von ≥ 4 Stunden.
  • Tetracyclin, Ciprofloxacin: Calciumstörung – ≥ 2 Stunden.
  • Eisenpräparaten: ≥ 2 Stunden.
  • Erhitzen auf hohe Temperaturen (≥ 70 °C): Verlust der LAB.
⚠️ Wann zu meiden – krankheitsspezifisch
  • Kuhmilcheiweißallergie: streng meiden (oder Ziegen-/Schafslabneh probieren).
  • Galaktosämie: absolut.
  • Schwere Lactoseintoleranz: weniger Lactose, doch empfindliche Personen können dennoch reagieren.
  • Schwere Nierenerkrankung (CKD 4–5): viel Protein + Phosphor – maßvoll.
  • Bluthochdruck + Na-Beschränkung: Labneh wird traditionell gesalzen – "salzarme" Version wählen.
  • Schwere Immunsuppression: lebende LAB werden gemieden.
  • Säugling < 6 Monate: meiden.
  • Histaminintoleranz: maßvoll.
  • Hashimoto + Jodempfindlichkeit: Nahrungsmengen sind in Ordnung, Abstand zu Levothyroxin.
  • Chronische Hypercalcämie: meiden.
❌ Mythen und ihre Widerlegung

"Labneh und griechischer Joghurt sind dasselbe." Teilweise ein Mythos. Beide sind abgetropfter Joghurt, ABER: Labneh wird traditionell mit längerem Molkeabtropfen hergestellt (24–48 Stunden gegenüber 12–24 Stunden beim griechischen Joghurt) und ist oft gesalzen – dichter, käseartiger. Griechischer Joghurt ist ungesüßt und ungesalzen. Klinisch sind es ähnliche Kategorien.

"Labneh ist dasselbe wie Frischkäse." Mythos. Frischkäse (Philadelphia, Ricotta) wird mit Lab oder einem Gerinnungsmittel geronnen + oft nicht fermentiert; Labneh ist ein reines LAB-Ferment + Molkeabtropfen. Frischkäse ist fettreich und LAB-arm; Labneh ist mittelfett und LAB-reich.

"Jedes Labneh enthält lebende Kultur." Teilweise ein Mythos. Industrielle Versionen mit langer Haltbarkeit sind pasteurisiert – wenig LAB. Prüfen Sie das Etikett: "lebende aktive Kulturen". [92]

"Labneh ist das kraftvolle, superhealthy mediterrane Lebensmittel." Teilweise wahr. Das klassische libanesische Frühstück – Labneh + Olivenöl + Gemüse + Za'atar – hat ein günstiges Lipid- und Mikrobiomprofil. ABER: Wegen des traditionellen Salzens sind aus Na-Sicht maßvolle Portionen ratsam.

"Ziegenlabneh ist gesünder als Kuhlabneh." Teilweise wahr. Ziegenmilch hat ein A2-ähnliches Caseinprofil, mehr MFGM und eine bessere Verträglichkeit für kuhmilchempfindliche Personen. ABER: nicht "absolut besser" – klinische Studien zeigen auch bei Kuhlabneh positive Wirkungen.

"Labneh mit 0% Fett ist ideal." Teilweise ein Mythos. Vollfett-Labneh (6–10%) enthält die MFGM-Matrix und fettlösliche Vitamine (D, K). Kalorienziel oder Diabetes = weniger Fett; allgemeine Gesundheit = Vollfett.

"Die vegane Labneh-Alternative (Mandel, Kokos) ist gleichwertig." Teilweise ein Mythos. Vegane Labneh-Alternativen sind geschmacklich ähnlich, doch Protein-, Calcium- und Lebend-LAB-Gehalt unterscheiden sich. Sojalabneh mit lebender Kultur kommt näher heran, doch die tierische Milchmatrix ist einzigartig.

🍳 Küchenprotokoll

Tagesportion: 50–150 g Naturlabneh.

Zubereitungsmuster – hausgemachtes Labneh:

  1. 1 Liter Vollmilch + 2 EL lebender Joghurt → Joghurtstarter, 6–8 Stunden bei 42 °C.
  2. ½ TL Salz zugeben.
  3. Auf einem Käsetuch 24 Stunden abtropfen lassen (im Kühlschrank).
  4. Im Kühlschrank aufbewahren.

Klassische Muster:

Klassisches libanesisches Frühstück: Labneh + natives Olivenöl extra + Za'atar + frisches Pita + Oliven + Tomate + Gurke.

Manakish bil za'atar: Fladenbrot mit Labneh + Za'atar + Olivenöl – gebacken.

Mezze-Platte (mediterrane Vorspeise): Labneh + Hummus + Baba Ganoush + Tabouli + Pita.

Labneh-Kugeln (labneh kerat): dichtes Labneh zu kleinen Kugeln geformt, Olivenöl + getrocknete Kräuter (Thymian, Oregano), im Glas mit Olivenöl – Winterkonservierung 3–6 Monate.

Salatdressing: Labneh + Dijon + Zitrone + Olivenöl.

Lagerung: im Kühlschrank luftdicht 7–14 Tage. Labneh-Kugeln in Öl 3–6 Monate.

Was Sie vermeiden sollten: nicht kochen (Verlust der LAB). Nicht bei Raumtemperatur stehen lassen. Nicht zu viel Salz zugeben (die traditionellen ½ TL/Liter genügen).

Literatur

[92] Hill C, Guarner F, Reid G et al. The International Scientific Association for Probiotics and Prebiotics consensus statement on the scope and appropriate use of the term probiotic. Nat Rev Gastroenterol Hepatol. 2014. Link

Konsens eines ISAPP-Expertengremiums (2013), das die FAO/WHO-Definition von Probiotika als 'lebende Mikroorganismen, die in ausreichender Menge verabreicht dem Wirt einen gesundheitlichen Nutzen bringen' bekräftigt. Das Gremium kam zu dem Schluss, dass diese Definition weiterhin relevant und tragfähig ist. Die Stellungnahme konsolidiert den globalen regulatorischen und wissenschaftlichen Rahmen für Identifizierung, Kennzeichnung und Evidenzanforderungen von Probiotika.

[107] Marco ML, Heeney D, Binda S et al. Health benefits of fermented foods: microbiota and beyond. Curr Opin Biotechnol. 2017. Link

Übersichtsarbeit zu fermentierten Lebensmitteln, die zu den ersten vom Menschen verzehrten verarbeiteten Lebensmitteln zählen (Joghurt, Sauermilch, Wein, Bier, Sauerkraut, Kimchi, fermentierte Wurst). Ursprünglich wegen Haltbarkeit und Genusswert geschätzt, gelten fermentierte Lebensmittel heute als Träger verbesserter ernährungsphysiologischer und funktioneller Eigenschaften durch Substrattransformation und Bildung bioaktiver Endprodukte. Viele fermentierte Lebensmittel enthalten lebende Mikroorganismen mit potenziellen Gesundheitseffekten. Die Übersicht etabliert fermentierte Lebensmittel als mikrobiomrelevante Ernährungskategorie.

[1693] Sanlier N et al. Health benefits of fermented foods. Crit Rev Food Sci Nutr. Link

In der Vergangenheit waren die gesundheitsfördernden Wirkungen fermentierter Lebensmittel unbekannt, und so nutzten die Menschen die Fermentation vor allem, um Lebensmittel zu konservieren, die Haltbarkeit zu verlängern und den Geschmack zu verbessern. Fermentierte Lebensmittel wurden in vielen Kulturen zu einem wichtigen Bestandteil der Ernährung, und im Lauf der Zeit wurde die Fermentation mit zahlreichen gesundheitlichen Vorteilen in Verbindung gebracht. Deshalb haben der Fermentationsprozess und die daraus entstehenden fermentierten Produkte in jüngerer Zeit wissenschaftliches Interesse geweckt. Zudem wurden Mikroorganismen, die zum Fermentationsprozess beitragen, in jüngerer Zeit mit vielen gesundheitlichen Vorteilen in Verbindung gebracht, sodass diese Mikroorganismen ebenfalls in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt sind. Milchsäurebakterien (LAB) gehören zu den am besten untersuchten Mikroorganismen. Während der Fermentation synthetisieren diese Bakterien Vitamine und Mineralstoffe, produzieren mit Enzymen wie Proteinase und Peptidase biologisch aktive Peptide und entfernen einige nicht-nutritive Substanzen.

[1715] EFSA NDA Panel. Scientific opinion on the substantiation of health claims related to live yoghurt cultures and improved lactose digestion. EFSA Journal. 2010. Link

Gutachten des EFSA-NDA-Gremiums nach Artikel 13(1) (Claims ID 1143, 2976): Auf Grundlage der eingereichten Humanstudien stellte das Gremium einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen dem Verzehr lebender Joghurtkulturen (L. delbrueckii subsp. bulgaricus und S. thermophilus) und einer verbesserten Verdauung der Laktose im Joghurt bei Personen mit Laktosemaldigestion fest. Um die Wirkung zu erzielen, sollte der Joghurt mindestens 10^8 KBE lebende Starterbakterien pro Gramm enthalten.

[1716] Codex Alimentarius. Standard for Fermented Milks (CXS 243-2003, Rev. 2025). . 2003. Link

Codex-Alimentarius-Standard für fermentierte Milcherzeugnisse (CXS 243-2003, Rev. 2025).

Autoren:
PG
Dr. Patay Gábor
Arzt, Mikrobiota-Spezialist
BA
Dr. Bezzegh Attila
ärztlicher Direktor, klinischer Mikrobiologe
AM
Dra. Anna Munar
Ärztin, Exposom-Spezialistin
MicroBiome Bank — medizinisch geprüfte Fachinhalte. Letzte Aktualisierung: 2026.