12. Amarant
Das "Teufelskorn" der Azteken – Squalen, viel Lysin, glutenfreies Pseudogetreide.
Was liefert es? Vollwertiges Eiweiß mit hohem Lysingehalt, lösliche + unlösliche Ballaststoffe, Polyphenole (Phenolsäuren, Flavonoide), Squalen (ein ungesättigter Triterpen-Kohlenwasserstoff – die Vorstufe der Cholesterin- und Steroidhormonbiosynthese, antioxidativ, eine seltene pflanzliche Quelle – nach der Olive ist Amarant die reichste), Ca, Fe, Mg. Von Natur aus glutenfreies Pseudogetreide.
Wie viel? 60–80 g trocken (~1 Tasse gekocht) 2- bis 4-mal/Woche oder 2–3 EL gepoppter Amarant als Müslitopping. (Hinweis: Die Evidenz aus Human-RCTs ist begrenzt; die Literatur zur klinischen Wirkung beruht vor allem auf Tier- und In-vitro-Studien – siehe Wissenschaftlicher Hintergrund.)
Wann meiden? Neigung zu Oxalatnierensteinen (mäßiger Oxalatgehalt), Kreuzkontamination bei der Verarbeitung für Zöliakiebetroffene, bestätigte Amarantallergie (sehr selten).
Amarant ist eine der ältesten und heiligsten Kulturpflanzen des amerikanischen Kontinents, an mindestens drei Orten unabhängig domestiziert: in Mittelamerika (A. cruentus und A. hypochondriacus, vor etwa 6000–8000 Jahren) und in den Anden (A. caudatus). Die frühesten domestizierten Samen wurden im mexikanischen Tehuacán-Tal gefunden, wo Amarant zugleich Grundnahrungsmittel und Ritualpflanze war. Die Azteken nannten ihn "huautli", und in ihrem religiösen Leben hatte er eine noch wichtigere Rolle: Beim Fest des Gottes Huitzilopochtli wurden Amarantsamen, vermischt mit Honig und mitunter mit Menschenblut, zu Götterstatuen geformt und nach der offiziellen Zeremonie verzehrt – den Aufzeichnungen zufolge war das ein Grund, weshalb die Soldaten des Cortés ihn als "Teufelskorn" brandmarkten. Nach 1521 verboten die spanischen Kolonialbehörden seinen Anbau bei Todesstrafe und versuchten, jedes vorhandene Amarantsamenkorn zu vernichten.
Amarant überlebte nur in abgelegenen mexikanischen und andinen Berggemeinschaften, wo er heimlich weiter angebaut wurde. Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckte ihn das Rodale Institute, ein Pionierforschungsinstitut der amerikanischen Bio-Bewegung, wieder, und ab 1975 begann mit dem Programm "aus dem Vergessen zurück" seine Rückkehr auf den Weltmarkt. Im 21. Jahrhundert wurde er wegen seines hohen Eiweiß- und Lysingehalts, seiner Glutenfreiheit und seines Polyphenolreichtums weltweit zurückgekauft, und sein kultureller Transfer ist spektakulär: In der mitteleuropäischen Küche ist er auch als Riegel aus gepopptem Amarant, glutenfreies Mehl oder Grundlage von Sauerteiggebäck aufgetaucht.
Wissenschaftlicher Hintergrund
Amarant ist ein Pseudogetreide – er gehört zur Familie der Amaranthaceae (verwandt mit Spinat, Rote Bete, Mangold), kein Süßgras (Poaceae), also ist er von Natur aus glutenfrei. Molekulare und immunchemische Studien (Bressani 2003, Berghofer 2003) fanden ihn bei Zöliakie sicher (≤ 20 ppm äquivalente "glutenreaktive" Proteine). [1502]
Viel Lysin: Unter den Getreiden/Pseudogetreiden ist Amarant mit seinem hohen Lysingehalt (≈ 6 g/100 g Eiweiß) nahezu einzigartig – er gleicht die typisch limitierende Aminosäure der klassischen Getreide aus. [1501] Das macht ihn zu einer vollwertigen Eiweißquelle.
Squalen: Amarantsamen und besonders Amarantöl sind eine seltene pflanzliche Squalenquelle (≈ 6–8 % im Öl). [1503] Squalen ist die Vorstufe der menschlichen Steroidsynthese – es wirkt hautrückfettend, und kleine Humanstudien legen ein antioxidatives + immunmodulierendes Potenzial nahe.
Polyphenole: Phenolsäuren (Gallussäure, Rutin), Flavonoide, Betalaine (besonders in den roten Sorten von A. cruentus). In humanen In-vitro-Dickdarmfermentationen bewirkten sie eine Zunahme der Diversität und eine SCFA-Bildung – präbiotisches Potenzial. [1505]
Humanevidenz:
- Nicht randomisierte Pilotstudie: Eine mit gepopptem Amarant ergänzte Ernährung zeigte bei unterernährten Kindern eine günstige Veränderung der Darmmikrobiota (Akkermansia muciniphila ↑).
- Humane In-vitro-Stuhlfermentation: Amarantballaststoffe sind ein fermentierbares Substrat, mit Zunahme der Diversität. [1506]
- LAB-fermentierte Amarantgetränke zeigen eine Zunahme der antioxidativen Aktivität. [1508]
Die RS3-Ausbeute ist gering: Amarantstärke retrogradiert schlecht – das "Cook-and-Chill"-Schema bringt wenig RS3-Gewinn. [1504] Die Mikrobiomwirkung stammt vor allem aus den Ballaststoff- und Polyphenolfraktionen.
Mineralstoffe: Amarant ist eine bedeutende Ca-Quelle (≈ 159 mg/100 g trocken, mehr als Milch!), Fe (7,6 mg/100 g) und Mg (248 mg/100 g) – der Phytatgehalt begrenzt jedoch die Bioverfügbarkeit; Keimen oder LAB-Fermentation erhöhen sie. [1507]
- + Fermentation (LAB): erhöht die Bioverfügbarkeit der Phenole, verbessert die Verdaulichkeit der vollständigen Aminosäurematrix.
- + Keimen über 48–72 Stunden: Polyphenole werden "freigesetzt" (gebundene → freie Form), bessere Bioverfügbarkeit.
- + Hülsenfrüchten (Linse, Bohne): superkomplettes Aminosäureprofil – für sich allein schon vollständig, aber breiteres Ballaststoffspektrum.
- + Joghurt/Kefir (lebende Kulturen): synbiotische Synergie + Ca-Bioverfügbarkeit.
- + Anderer RS-Quelle (Cook-and-Chill-Kartoffel, -Reis): weil die RS3-Ausbeute des Amarants gering ist.
- + Vitamin-C-Quelle (Zitrone, Paprika): 2- bis 3-facher Schub der Fe-Aufnahme.
- Oxalatreicher Ernährung + Neigung zu Oxalatnierensteinen: Amarant ist mäßig oxalathaltig – regelmäßig in großen Mengen meiden.
- Starkem Tee/Kaffee zur Mahlzeit: tanninvermittelte Verringerung der Fe-Aufnahme.
- Überraffiniertem, extrudiertem Amarantmehl: Die Stärkeverdaulichkeit steigt, RS sinkt, Polyphenolverlust.
- Ausschließlicher Amaranternährung: einseitig, Oxalat- und Phytatbelastung.
- Amarantmehl aus einer glutenkontaminierten Mühle für Zöliakiebetroffene: Achten Sie auf das zertifizierte Label "glutenfrei".
- Oxalatnierensteine (Ca-Oxalat-Typ): mäßiger Oxalatgehalt – maßvoll dosieren.
- Zöliakie: glutenfrei, ABER Risiko einer Kreuzkontamination bei der Verarbeitung → zertifiziertes Produkt.
- Amaranthaceae-Allergie (Kreuzreaktion mit Rote Bete, Spinat – sehr selten): meiden.
- Aktiver IBS-Schub: portionsabhängig, eine kleine gepoppte Portion ist verträglich, Amarantmehl hat mehr FODMAP. [777]
- Schwere Nierenerkrankung (CKD 4–5): mäßiger Kalium- und Phosphorgehalt – Dosierung mit einer Ernährungsfachkraft.
- Säugling (< 6 Monate): sollte nicht die primäre Kohlenhydratquelle sein (Phytat-, Oxalatzufuhr).
"Amarant ist ein Getreide wie Weizen." Ein Mythos. Amarant ist ein Pseudogetreide und gehört zur Familie der Amaranthaceae – ein näherer Verwandter von Rote Bete, Mangold und Spinat als von Weizen. Deshalb ist er von Natur aus glutenfrei.
"Amarant ist giftig, deshalb hat die spanische Kolonialmacht ihn verboten." Ein Mythos. Amarant ist nicht giftig – das Verbot hatte religiös-kulturelle Gründe (wegen der aztekischen Rituale). Amarant ist eines der sichersten Pseudogetreide.
"Gepoppter Amarant ist gesünder als gekochter." Teilweise ein Mythos. Das Poppen (Extrusion/Heißluft) verbessert den Genuss und erleichtert die Verdauung, doch die Stärkeverdaulichkeit steigt (weniger RS), und ein Teil der Polyphenole wird abgebaut. Gekochtes ganzes Korn enthält mehr RS und Polyphenole.
"Der Squalengehalt des Amarantöls ersetzt Haifischleberöl." Teilweise zutreffend. Amarantöl ist eine der bedeutendsten pflanzlichen Squalenquellen (≈ 6–8 %) und tatsächlich eine ethische Alternative zum Haifischleberöl. Bei klinischen Indikationen ist die Evidenz jedoch schwächer.
"Das vollwertige Eiweiß des Amarants genügt als alleinige Eiweißquelle." Teilweise zutreffend. Vollständiges Aminosäureprofil, doch die Eiweißmenge (≈ 14 g/100 g trocken) ist ähnlich wie bei Quinoa – nicht auf Superniveau. In Kombination mit Hülsenfrüchten ist er optimal.
"Der RS3-Gehalt des Amarants ist hoch wie bei der Kartoffel." Ein Mythos. Amarantstärke retrogradiert schlecht – die RS3-Ausbeute des Cook-and-Chill-Protokolls ist mäßig. Wenn der Fokus auf RS liegt, kombinieren Sie ihn mit anderen RS-Quellen.
Tagesportion
60–80 g trocken (~1 Tasse gekocht) 2- bis 4-mal/Woche als Beilage oder 2–3 EL gepoppt als Müslitopping.
Zubereitungsmuster
- Klassisches Garen: 100 g Amarant + 250 ml Wasser, aufkochen, dann 20–25 Minuten zugedeckt bei niedriger Hitze. Die Textur ist klebrig-breiig (anders als bei Quinoa).
- Gepoppter Amarant: in einer trockenen, heißen Pfanne 30 Sekunden unter Schütteln → Mini-"Popcorn".
- Keimen 48–72 Stunden: Zunahme von Polyphenolen, Vitaminen, Ballaststoffen.
- LAB-Fermentation: gekeimter Amarant + Wasser + Joghurtstarter → 24 Stunden → saurer, präbiotischer "Brei".
Klassische Muster
Mexikanische Alegría: gepoppter Amarant + Honig/Agavensirup + Nüsse → Kuchen/Riegel (aztekischen Ursprungs).
Indisches Rajgira ki Kheer: Amarant + Milch + Zucker + Kardamom + Nüsse.
Peruanische Mazamorra: Amarantbrei mit Obst.
Mitteleuropäische Adaption: Amarant-Hafer-Brei zum Frühstück, Kürbis + Walnuss + Honig.
Buddha-Bowl-Topping: gekochter Amarant + geröstete Süßkartoffel + Avocado + Tahin.
Lagerung und Vermeidung
Lagerung: Trockener Amarant in einem luftdichten Glas an einem dunklen Ort 8–12 Monate. Gekochter Amarant im Kühlschrank 4 Tage. Amarantöl im Kühlschrank 6 Monate (oxidationsempfindliches Squalen).
Was Sie vermeiden sollten: Garen Sie ihn nicht zu lange, sonst wird er klebrig. Verzehren Sie nicht ausschließlich Amarant (einseitig Oxalat, Phytat). Ersetzen Sie Quinoa nicht 1:1 durch ihn (andere Textur).
Literatur
[777] . Monash UniversityMonash FODMAP database. High and Low FODMAP foods. Link
[1501] Bressani R. Amaranth: composition, properties and applications of a rediscovered food crop 1989;5(1):13–38. Food Rev Int. 1989.
[1502] Berghofer E, Schoenlechner R. Grain amaranth: gluten-free flour for celiac patients 2003. Adv Exp Med Biol. 2003.
[1503] Rastrelli L et al. Squalene content of amaranth seed oil 1996. J Agric Food Chem. 1996.
[1504] Caselato-Sousa VM, Amaya-Farfán J. State of knowledge on amaranth grain: a comprehensive review2012;77(4):R93–R104. J Food Sci. Link
[1505] Klimczak I et al. Polyphenol profile in amaranth seeds and sprouts 2002. Acta Sci Pol Technol Aliment. 2002.
[1506] Bermudez-Soto MJ et al. In vitro fermentation of amaranth dietary fiber 2012. Food Funct. 2012.
[1507] Sanz-Penella JM et al. Bread containing amaranth flour fortifies iron and bioactive compounds 2013. LWT-Food Sci Technol. 2013.
[1508] Bauer A et al. Lacto-fermented amaranth: bioactivity and microbiota modulation 2022. Front Nutr. 2022.

