5. Meerrettich
Die mitteleuropäische pikante Wurzel – Sinigrin, Allylisothiocyanat und die Wissenschaft hinter der Ostertradition.
Was liefert es? Sinigrin (Glucosinolatvorstufe), aus dem bei Zellschädigung (Reiben, Kauen) das Enzym Myrosinase Allylisothiocyanat freisetzt (AITC – eine antimikrobielle, atemwegsschleimlösende, tränenreizende flüchtige Substanz). Er liefert außerdem Vitamin C (frisch ≈ 80 mg/100 g). [2264]
Wie viel? In der Küche 1–2 TL frisch gerieben (≈ 5–15 g) 2–4 Mal pro Woche. Traditioneller pflanzlicher Status nach EMA/HMPC: in Teeform bis zu 4 g/Tag als Ergänzung bei Erkältung und unkomplizierten Harnwegsbeschwerden. Das deutsche Angocin Anti-Infekt N (Meerrettich + Kapuzinerkresse) verringerte in einem RCT (Albrecht 2007) die Rezidivrate chronisch rezidivierender Harnwegsinfekte signifikant. [2261]
Wann meiden? Aktives Magengeschwür oder Schub einer Refluxkrankheit (AITC reizt); unbehandelte Hypothyreose (goitrogenes Potenzial); aktive Glomerulonephritis oder schwere Niereninsuffizienz (EMA-Vorsichtshinweis); Kind unter 4 Jahren in konzentrierter Form (Atemwegsreizung). Ausführliche krankheitsspezifische Kontraindikationen (Levothyroxin, Schwangerschaft, Brassicaceae-Allergie) im ausführlichen Abschnitt.
Meerrettich ist eine Wurzel osteuropäischer und westasiatischer Herkunft – im Karpatenbecken ist er seit fast tausend Jahren ein wichtiges Gewürz und ein unverzichtbares Element der mitteleuropäischen Ostertafel. Der "Chrein" (aschkenasisch-jüdischer Meerrettich) ist der klassische Vertreter des "Maror" (bitteres Gewürz) beim Pessach-Seder, das laut Forschung im Europa des 14. Jahrhunderts begann. Das deutsche "Kräuterbuch" von Tabernaemontanus aus dem 16. Jahrhundert (1588) beschrieb ihn bereits ausführlich als verdauungsanregendes und atemwegswirksames Kraut. Auch Plinius der Ältere und Cato erwähnen "Armoracia" – obwohl die römische "Armoracia" wahrscheinlich nicht mit dem heutigen Meerrettich identisch war.
Das wissenschaftliche Interesse kam im 20. Jahrhundert: die Identifizierung des Enzyms Myrosinase, das die Hydrolyse des Sinigrins (Glucosinolat) katalysiert, in den 1950er Jahren, dann die Isolierung des für die charakteristische "tränenreizende" Schärfe des Meerrettichs verantwortlichen Allylisothiocyanats (AITC). Die klassische deutsche "Schwabe-Schule" entwickelte in den 1960er–70er Jahren ein standardisiertes Präparat aus Meerrettich + Kapuzinerkresse (Tropaeolum) zur ergänzenden Behandlung chronischer Harnwegs- und oberer Atemwegsinfekte (Angocin Anti-Infekt N), das eine positive deutsche Kommission-E-Monografie erhielt. [2260] Auch die EMA/HMPC bestätigte den traditionellen pflanzlichen Status des Meerrettichs zur Linderung von Erkältungs- und Harnwegsbeschwerden. [2259]
Wissenschaftlicher Hintergrund
Der wichtigste Bioaktivstoff des Meerrettichs ist Sinigrin (Allylglucosinolat), das in der intakten Wurzel stabil ist. Bei Zellschädigung (Reiben, Kauen) hydrolysiert das Enzym Myrosinase es und erzeugt Allylisothiocyanat (AITC) sowie Nebenabbauprodukte (Allylcyanid, Nitrile). AITC verleiht dem Meerrettich sein charakteristisches, tränenreizendes Aroma und seine wichtigste pharmakologische Wirkung.
AITC hat ein breites antimikrobielles Spektrum: in vitro wirksam gegen E. coli, Staphylococcus aureus, Helicobacter pylori und Candida albicans. [2263] Angocin Anti-Infekt N (Meerrettich + Kapuzinerkresse) verringerte in kontrollierten deutschen Studien die Rezidivrate chronisch rezidivierender Harnwegsinfekte signifikant und zeigte bei akuter unkomplizierter Zystitis eine ähnliche Wirksamkeit wie eine niedrig dosierte Antibiotikaprophylaxe. [2262]
Atemwegswirkung: AITC wirkt beim Einatmen schleimlösend und bronchienerweiternd – der klassische Haussirup "Meerrettich + Honig" oder der warme "Meerrettichwickel" auf der Brust bei saisonalen Erkältungen.
Für die Schilddrüse haben Glucosinolate theoretisch goitrogene Wirkungen (Beeinträchtigung der Jodaufnahme), doch eine tägliche kulinarische Menge Meerrettich ist für Menschen mit gesunder Schilddrüse nicht relevant. Bei unbehandelter Hypothyreose ist Vorsicht angeraten.
Auf Mikrobiomebene ist die selektive antimikrobielle Wirkung des AITC gemischt – sie kann die opportunistische grampositive und gramnegative Selektion verringern, doch spezifische Studien sind begrenzt.
- + Kapuzinerkresse (Tropaeolum, Kapuzinerkresse): klassische deutsche phytotherapeutische Kombination bei Harnwegs- und Atemwegsinfekten.
- + Honig: "Meerrettich-Honig-Sirup" bei Atemwegsbeschwerden (1 EL geriebener Meerrettich + 2 EL Honig, 24 Stunden ziehen lassen, abgeseiht).
- + Fleisch, Fisch, Eiern (Proteinmatrix): klassische mitteleuropäische pikante Beilage.
- + Joghurt, Sauerrahm, Crème fraîche: AITC-Puffer – die Milchprodukte mildern das Brennen, und antioxidative Synergie.
- + Mit geriebenem Apfel als Beilage: klassische mitteleuropäische pikante Sonntagsbeilage.
- + Mit Kohlgemüse (Grünkohl, Brokkoli): Glucosinolatsynergie.
- Schilddrüsenhormon (Levothyroxin) mit hoch dosiertem Meerrettichpräparat: goitrogene Beeinträchtigung.
- Antikoagulanzien + hoch dosiertem Extrakt: theoretisch leichtes Blutungsrisiko.
- In großen Mengen auf nüchternen Magen: gastrointestinale Reizung.
- Säugling, Kleinkind in konzentrierter Form: Atemwegsreizung, Ersticken.
- AITC-empfindlichem Augenkontakt: tränenreizend – Augenreiben nach der Verarbeitung.
- Während einer aktiven H.-pylori-Ulkusbehandlung: Die konzentrierte Form kann reizen. [2265]
- Aktives Magengeschwür, Schub einer Refluxkrankheit: AITC reizt.
- Unbehandelte Hypothyreose: goitrogenes Potenzial – Vorsicht bei Hashimoto und Morbus Basedow.
- Aktive Nierenentzündung (akute Glomerulonephritis): Die EMA rät zur Vorsicht.
- Schwere Niereninsuffizienz: zu meiden.
- Säugling < 4 Jahre (EMA): konzentrierte Form zu meiden.
- Schwangerschaft (hoch dosiertes Präparat): uterusstimulierendes Potenzial.
- Brassicaceae-Allergie: Kreuzreaktion möglich.
- Hämorrhoidenschub, Analfissur: brennende Reizung beim Stuhlgang.
"Meerrettich vertreibt die Erkältung." Beim Menschen gibt es keine antivirale Wirkung. Eine symptomatische Linderung (Freimachen der Nase, Gefäßerweiterung) GIBT es, doch das ist kein "Vertreiben".
"Meerrettich aus dem Glas ist dasselbe wie frischer." Dramatischer Unterschied. Frisch geriebener Meerrettich verliert sein AITC innerhalb von 24–48 Stunden; die konservierte, eingelegte Variante ist hauptsächlich ein Würzmittel und aus medizinischer Sicht schwach.
"Meerrettich beugt auf feine, nachhaltige Weise Krebs vor." Glucosinolathaltige Gemüse (Brokkoli, Kohl, Meerrettich) treten epidemiologisch in einem positiven Kontext der Krebsprävention auf, doch Meerrettich selbst ist kein Krebsvorbeugungs-"Wunder".
"Von Meerrettich nimmt man ab." Eine thermogene Wirkung durch die Schärfe GIBT es, doch humane Gewichtsverlustendpunkte sind nicht signifikant.
"Meerrettich ist dasselbe wie Wasabi." "Echter" japanischer Wasabi (Eutrema japonicum) ist selten und teuer – die meisten "Wasabi"-Produkte im Kühlregal sind grün gefärbter Meerrettich + Senf + grüner Farbstoff.
"Gut bei Hyperthyreose." Nein – Glucosinolate beeinträchtigen die Jodaufnahme, was bei Morbus Basedow (Überfunktion) theoretisch sogar günstig sein könnte, doch es existiert kein klinisches Protokoll. Bei unbehandelter Hypothyreose ist er dagegen zu meiden.
Tagesportion
1–2 TL frisch geriebener Meerrettich (≈ 5–15 g) 2–4 Mal pro Woche; in Kräuterteeform laut EMA bis zu 4 g/Tag ergänzend.
Zubereitungsmuster
- Die frische Wurzel putzen und schälen, in einem gut belüfteten Raum (oder im Freien) reiben – tränenreizend.
- Sofort mit Essig/Zitronensaft vermengen – das stabilisiert das AITC und verhindert das Braunwerden.
- Sauerrahm/Joghurt + geriebener Apfel + geriebener Meerrettich – klassische pikante Ostersauce.
- Zu Fleisch- und Fischsteaks direkt beim Servieren zugeben.
Klassische Muster
Mitteleuropäischer Ostermeerrettich: Schinken + Ei + Sauerrahm-Meerrettich + geriebener Apfel.
Chrein (aschkenasisch): geriebener Meerrettich + Essig + Zucker + Rote Bete – Sedersauce.
Sauce raifort (französisch): geriebener Meerrettich + Crème fraîche + Dijonsenf + Zitrone – zu Roastbeef.
Meerrettich-Honig-Sirup: 1 EL geriebener Meerrettich + 2 EL Honig, 24 Stunden kalt, abgeseiht. 1 TL 3×/Tag bei Husten.
Lagerung und Vermeidung
Lagerung: frische Wurzel im Kühlschrank in Papier gewickelt 2 Wochen; in Essig konservierter Meerrettich im Kühlschrank 3–6 Monate. Frisch gerieben 24 Stunden frisch (AITC verdunstet).
Was Sie vermeiden sollten: Nicht lange kochen (AITC verdunstet), nach dem Reiben nicht die Augen reiben, einem Säugling keinen konzentrierten Meerrettich geben, ein klinisches Präparat nicht mit unbehandelter Hypothyreose kombinieren.
Literatur
[2259] . EMA/HMPC 2013. European Union herbal monograph on Armoracia rusticana, radix. 2013.
[2260] Kommission E. Monograph Armoraciae rusticanae radix 1988. Bundesanzeiger. 1988.
[2261] Albrecht U et al. A randomised, double-blind, placebo-controlled trial of a herbal medicinal product containing Tropaeoli majoris herba and Armoraciae rusticanae radix for the prophylactic treatment of patients with chronically recurrent lower urinary tract infections2007;23(10):2415–2422. Curr Med Res Opin. Link
[2262] Goos KH et al. Efficacy and safety profile of a herbal drug containing nasturtium herb and horseradish root in acute sinusitis, acute bronchitis and acute urinary tract infection in comparison with other treatments 2006;56(3):249–257. Arzneimittelforschung. 2006.
[2263] Conrad A et al. In vitro study to evaluate the antibacterial activity of a combination of the haulm of nasturtium (Tropaeoli majoris herba) and the roots of horseradish 2013. Drug Res. 2013.
[2264] Agneta R et al. Horseradish (Armoracia rusticana), a neglected medical and condiment species 2014. Med Aromat Plants. 2014.
[2265] Park HW et al. Allyl isothiocyanate from horseradish and Helicobacter pylori 2007. Helicobacter. 2007.

