XI. Öle / Fette

XI. 10. Hanfsamenöl

Das ideale Omega-3:Omega-6-Verhältnis von 3:1 – ein cannabidiolfreies Nahrungsöl und eine Gamma-Linolensäurequelle.

Lateinischer_name: Cannabis sativa L. (Cannabaceae) – industrielle, THC-freie (< 0.2–0.3%) FaserhanfsorteWichtigste_bioaktivstoffe: Linolsäure (~55%, Omega-6) + α-Linolensäure (ALA, ~18%, Omega-3) + γ-Linolensäure (GLA, ~2–4%) + Stearidonsäure (SDA, ~2%, EPA-Vorstufe) + Vitamin E + Phytosterole + ChlorophyllFODMAP: niedrig (1 EL/Tag ist sicher)Evidenzniveau: ★★ (Human-RCTs zur atopischen Dermatitis – Callaway 2005; zum Lipidprofil – Schwab 2006)Position: günstiges Omega-6/3-Verhältnis (3:1) → systemische entzündungshemmende Wirkung, indirekt mikrobiompositive Wirkung
🎯 Das Wichtigste in 1 Minute

Was liefert es? Eines der günstigsten Omega-6:3-Verhältnisse (~3:1) [1950] unter den Pflanzenölen, dazu die seltenen GLA und SDA. SDA wird effizienter (~30%) in EPA umgewandelt als ALA (~5–8%) – das ordnet Hanfsamenöl den "mittleren" Omega-3-Quellen zu.

Wie viel? 1 Esslöffel (15 ml) roh pro Tag – über Salat geträufelt, in Smoothies, auf Hüttenkäse, auf geröstetem Gemüse.

Wann meiden? Hanfallergie, akute Pankreatitis, Antikoagulationstherapie (große Dosen), berufliche Drogentestpflichten (THC-Spuren < 10 µg/g). NICHT VERWECHSELN mit CBD-Öl oder Marihuanaöl – dies ist ein LEBENSMITTEL, kein Cannabinoidextrakt.

📜 Historischer Überblick

Hanf (Cannabis sativa) ist eine der ältesten Nutzpflanzen der Menschheit: Keramiken der chinesischen Yangshao-Kultur (4000 v. Chr.) bewahren Spuren von Hanfsamen, und das Shennong Bencao Jing (100 n. Chr.) erwähnt Hanfsamenöl unter dem Namen "má-zi" als Arznei – vor allem gegen Verstopfung. In Europa ist Hanf eine jahrtausendealte Textilpflanze: ein Grundmaterial mitteleuropäischer Bauernhöfe in der Arpadenzeit (Leinen-Hanf + Flachs) – Seil, Segeltuch, Segel, Papier.

In Ungarn ist die Szegeder Hanfmühle (1877) eine der ältesten industriellen Hanfanlagen. Die Samen wurden traditionell an Tiere (vor allem Vögel) verfüttert und zu Öl gepresst – vor allem auf Bauernhöfen im Winter, sowohl für Lampenöl als auch als Nahrung. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts drängte das Marihuanaverbot (Marihuana Tax Act USA 1937, UN-Einheitsabkommen 1961) den Industriehanf in den Hintergrund; seit den 1990er-Jahren haben immer mehr Länder (Kanada 1998, EU fortlaufend) den Anbau von THC-freiem (< 0.2–0.3%) Industriehanf für Lebensmittel, industrielle und kosmetische Zwecke wieder zugelassen. [1953] Finnisch-kanadische Forschung der 2000er-Jahre (Callaway 2005, Journal of Dermatological Treatment) dokumentierte den Nutzen des Hanfsamenölverzehrs bei atopischer Dermatitis. Der vegan-paläo-mediterrane Trend der 2010er-Jahre brachte neue Nachfrage – heute ist Hanfsamenöl eine der Premiumkategorien unter den omega-3-reichen Pflanzenölen.

Wissenschaftlicher Hintergrund

Das robusteste klinische Signal betrifft die atopische Dermatitis. Callaway et al. (2005) untersuchten 20 Patienten mit atopischer Dermatitis über 20 Wochen im Crossover-Design: Der Verzehr von 30 ml/Tag Hanfsamenöl (gegenüber Leinsamenöl als Kontrolle) verringerte Hauttrockenheit und Juckreiz signifikant und senkte den Kortikosteroidbedarf. [1947] Der vorgeschlagene Mechanismus ist der Weg GLA → Dihomo-GLA → PGE1 – PGE1 ist ein entzündungshemmendes Prostaglandin, das die Funktion der Hautbarriere verbessert.

Die Evidenz zum Lipidprofil stammt von Schwab et al. (2006): 14 Teilnehmer, 4+4 Wochen Crossover, 30 ml/Tag Hanfsamenöl → LDL und ApoB sanken, HDL stieg. [1948] Whelan (2009, J Nutr) behandelt die Umwandlung SDA (Stearidonsäure) → EPA ausführlich: ~30% gegenüber der Umwandlungsrate von ALA von ~5–8%. [1949] Das macht Hanfsamenöl zu einer wirksameren EPA-Quelle als das ALA-dominierte Leinsamenöl (und gewöhnliche pflanzliche Omega-3-Speiseöle) – auch wenn es mit Fischöl und Algenöl nicht konkurriert. Der GLA-Gehalt ist wertvoll, ähnlich wie bei Schwarze-Johannisbeer-Öl und Borretschöl; es gibt Evidenz zu prämenstruellen Symptomen und atopischer Haut. [1951]

Auf Mikrobiomebene gibt es noch keine eigens dafür bestimmte Human-RCT. Indirekte Evidenz: Das günstige Omega-3/6-Verhältnis verringert die systemische Entzündung (Marker CRP, IL-6), was indirekt mikrobiompositiv sein kann – chronische niedriggradige Entzündung und Dysbiose sind wechselseitig verbunden. Der Chlorophyllgehalt verleiht in vitro eine antioxidative Aktivität, doch die Bedeutung beim Menschen ist begrenzt.

✅ Gut kombinierbar mit
  • + Salatdressing: Hanfsamenöl + Balsamicoessig + Dijonsenf + eine Prise Salz → für grünen Salat, Tomate, Gurke.
  • + Smoothie: 1 Teelöffel in eine Spinat-Bananen-Beeren-Mischung – Chlorophyll und Fett unterstützen zusammen die Aufnahme.
  • + Hüttenkäse, Joghurt, Kefir: Hanfsamenöl + fermentiertes Milchprodukt = Kombination aus Omega-3 + Probiotika.
  • + Kalt angemachten Nudeln: Hanfsamenöl + geriebener Parmesan + Petersilie + Knoblauch.
  • + Geröstetem Gemüse (auf dem Teller beträufelt, NICHT im Ofen): Winterkürbis, Brokkoli, Blumenkohl.
  • + Gemahlenem Hanfsamen + Hanfsamenöl: volles Paket, vollständige Samenmatrix in Geschmack und Nährstoffen.
  • + Hanfpesto: Basilikum + Hanfsamenöl + Hanfsamen + Parmesan + Knoblauch.
🚫 Nicht kombinieren mit
  • Braten und Garen bei starker Hitze: kategorisches Verbot – Rauchpunkt ~165 °C, Omega-3 (ALA, SDA) oxidieren rasch, wie beim Leinsamenöl.
  • Im Licht gelagerter geöffneter Flasche: rasche Ranzigkeit – Hanfsamenöl sollte im Kühlschrank, in dunklem Glas aufbewahrt und innerhalb von 3–4 Wochen verbraucht werden.
  • Als Ersatz für CBD-Öl / Marihuanaöl: ein kategorisch anderes Produkt – Hanfsamenöl ist ein Lebensmittel, CBD-Öl ist ein Cannabinoidextrakt (arzneimittelartig). Prüfen Sie immer, ob Sie ein als "food grade" / "edible" gekennzeichnetes Produkt kaufen.
  • Gestapelt mit anderen omega-6-reichen Ölen (Sonnenblume, Sesam): Hanfsamenöl kommt mit einem guten Verhältnis, doch zusammen mit Sonnenblumenöl verschwindet der Omega-6/3-Vorteil.
⚠️ Wann zu meiden – krankheitsspezifisch
  • Hanfallergie (selten): absolute Kontraindikation.
  • Akute Pankreatitis: in der Phase der Fettbeschränkung meiden.
  • Antikoagulationstherapie (Warfarin, DOAK): wegen der Omega-3-Wirkung mildes additives Blutungsrisiko – hohe Dosen (> 30 ml/Tag) nach ärztlicher Rücksprache.
  • Berufliche Drogentestpflichten (Polizei, Sport, Sicherheitsdienst): Essbares Hanfsamenöl kann THC-Spuren enthalten (< 10 µg/g); große Mengen (mehrere EL/Tag) könnten theoretisch einen positiven Test verursachen (selten, aber dokumentiert). Prüfen Sie die Richtlinien des Arbeitgebers.
  • 2 Wochen vor einer geplanten Operation: hohe Dosen absetzen (Blutungsrisiko durch Omega-3).
  • Schwere Gallenwegsobstruktion: Problem der Fettmalabsorption.
❌ Mythen und ihre Widerlegung

"Hanfsamenöl = Marihuanaöl." Nein. Essbares Hanfsamenöl wird aus Industriefaserhanf hergestellt (THC-freie Sorte); es hat keine psychoaktive Wirkung. Der THC-Spurengehalt von < 10 µg/g ist bei legitimen Nahrungsdosen nicht nachweisbar.

"Hanfsamenöl = CBD-Öl." Nein. CBD-Öl ist ein konzentrierter Cannabinoidextrakt (arzneimittelartige Wirkung). Hanfsamenöl ist ein Speisefett: Der Cannabinoidgehalt ist vernachlässigbar (im Samen ist praktisch kein CBD enthalten). [1952]

"Hanfsamenöl deckt den EPA/DHA-Bedarf." Teilweise wahr, teilweise ein Mythos. Der SDA-Gehalt ergibt eine effizientere EPA-Umwandlung (~30%) als ALA (~5–8%), doch er wird kaum in DHA umgewandelt. Bei hohem Bedarf (Schwangerschaft, kardiovaskuläre Prävention) braucht es Fischöl oder Algenöl.

"Auch zum Braten gut, da es natürlich ist." Nein. Sein Rauchpunkt liegt bei ~165 °C; der Omega-3-Gehalt oxidiert rasch. Der Grundsatz "natürlich ≠ hitzestabil" gilt auch hier.

"Hanfsamenöl lässt Sie abnehmen." Keine Evidenz. Ein kalorienreiches Fett (~120 kcal/EL); entzündungshemmende und hautbezogene Vorteile bestehen, doch eine eigenständige Abnehmwirkung gibt es nicht.

🍳 Küchenprotokoll

Tagesportion: 1 Esslöffel (≈ 15 ml) roh – die Hälfte der klinisch verwendeten Callaway-Dosis von 30 ml, passend zum täglichen Ernährungsniveau.

Zubereitungsmuster:

  1. Niemals direkt erhitzen – immer über kalte Speisen oder das warme fertige Gericht träufeln.
  2. Für das Salatdressing: 1 EL Hanfsamenöl + 1 EL Balsamicoessig + ½ TL Dijonsenf + eine Prise Salz → zusammen schütteln.
  3. In Smoothies: 1 Teelöffel am Ende des Mixens, damit Chlorophyll und Omega-3 nicht auseinanderemulgieren.

Klassische Muster:

  • Dressing für grünen Salat: Hanfsamenöl + Balsamicoessig + Senf
  • Hüttenkäse + Hanfsamenöl + Kräuter: österreichisch-mitteleuropäisches Bauernfrühstück mit einem Omega-3-Plus
  • Hanfpesto: Basilikum + Hanfsamenöl + Hanfsamen + Parmesan + Knoblauch
  • Hummus + Hanfsamenöl: obenauf geträufelt
  • Winterkürbisschale + Hanfsamenöl: gerösteter Kürbis + Öl + Knoblauch + Kürbiskerne
  • Smoothie: Spinat + Banane + Beeren + 1 TL Hanfsamenöl

Lagerung: im Kühlschrank, in dunklem Glas, verschlossen. Innerhalb von 3–4 Wochen nach dem Öffnen verbrauchen. Ranziger Geschmack (fischartig, scharf) bedeutet: entsorgen.

Kauf: "edible" / "food grade" / "kaltgepresst" / bio / dunkles Glas / kleine Packung (250 ml) / Pressdatum auf dem Etikett. Zuverlässige Quellen: kanadische, niederländische, französische und mitteleuropäische Bioerzeuger.

Was Sie vermeiden sollten: nicht braten, nicht kochen, nicht im Licht lagern. Kein als CBD-Öl gekennzeichnetes Produkt wählen, wenn Sie ein Speisefett suchen. Bei beruflichen Drogentests die Richtlinien im Voraus prüfen.

Literatur

[1947] Callaway J, et al. Efficacy of dietary hempseed oil in patients with atopic dermatitis. J Dermatolog Treat. 2005. Link

HINTERGRUND: Hanfsamenöl ist eine reiche und ausgewogene Quelle mehrfach ungesättigter Omega-6- und Omega-3-Fettsäuren (PUFA). Anekdotische Hinweise deuteten darauf hin, dass diätetisches Hanfsamenöl bei der Behandlung von Symptomen der atopischen Dermatitis nützlich sein könnte. PATIENTEN UND METHODEN: Diätetisches Hanfsamenöl und Olivenöl wurden in einer 20-wöchigen randomisierten, einfachblinden Crossover-Studie mit atopischen Patienten verglichen. Die Fettsäureprofile wurden in den Triglycerid-, Cholesterylester- und Phospholipidfraktionen des Plasmas gemessen. Ein Patientenfragebogen lieferte zusätzliche Informationen zu Hauttrockenheit, Juckreiz und der Anwendung dermatologischer Medikamente. Auch der transepidermale Wasserverlust der Haut (TEWL) wurde gemessen.

[1948] Schwab US, et al. Effects of hempseed and flaxseed oils on the profile of serum lipids, serum total and lipoprotein lipid concentrations and haemostatic factors. Eur J Clin Nutr. 2006. Link

HINTERGRUND: Sowohl Hanfsamenöl (HO) als auch Leinöl (FO) enthalten hohe Mengen essenzieller Fettsäuren (FA), namentlich Linolsäure (LA, 18:2n-6) und Alpha-Linolensäure (ALA, 18:3n-3), jedoch in nahezu umgekehrten Verhältnissen. Eine übermäßige Aufnahme der einen essenziellen FA gegenüber der anderen kann den Metabolismus der jeweils anderen beeinträchtigen, da der Metabolismus von LA und ALA um dieselben Enzyme konkurriert. Es ist nicht bekannt, ob zwischen n-3- und n-6-FA pflanzlichen Ursprungs ein Unterschied in den Wirkungen auf das Serumlipidprofil besteht. ZIEL DER STUDIE: Vergleich der Wirkungen von HO und FO auf das Profil der Serumlipide sowie auf die Nüchternkonzentrationen der Serum-Gesamt- und Lipoproteinlipide, der Plasmaglukose und des Insulins sowie hämostatischer Faktoren bei gesunden Menschen. METHODEN: Vierzehn gesunde Freiwillige nahmen an der Studie teil. Es wurde ein randomisiertes, doppelblindes Crossover-Design verwendet.

[1949] Whelan J J Nutr. Dietary stearidonic acid is a long chain (n-3) polyunsaturated fatty acid with potential health benefits. . 2009. Link

Eine Übersichtsarbeit über Stearidonsäure aus der Nahrung als langkettige (n-3) mehrfach ungesättigte Fettsäure mit potenziellem gesundheitlichem Nutzen.

[1950] Da Porto C, et al. Eur J Lipid Sci Technol. 2014. Hempseed oil: chemical composition and functional properties. 2014.

Ein Artikel über die chemische Zusammensetzung und die funktionellen Eigenschaften von Hanfsamenöl.

[1951] Leizer C, et al. J Nutraceuticals Funct Med Foods. The composition of hemp seed oil and its potential as an important source of nutrition. 2000.

Ein Artikel über die Zusammensetzung von Hanfsamenöl und sein Potenzial als Nahrungsquelle.

[1952] Crescente G, et al. Chemical composition and nutraceutical properties of hempseed. Phytochem Rev. 2018. Link

Eine Übersichtsarbeit über die chemische Zusammensetzung und die nutrazeutischen Eigenschaften von Hanfsamen.

[1953] . Industrial Hemp Regulations. Health Canada 1998. 1998.

Eine kanadische Bundesverordnung und keine wissenschaftliche Arbeit: die Industrial Hemp Regulations, SOR/98-156, erlassen nach dem Controlled Drugs and Substances Act und am 12. März 1998 registriert, die den lizenzierten gewerblichen Hanfanbau in Kanada wieder eröffneten, indem sie Industriehanf von den für Cannabis geltenden Kontrollen trennten. Das System beruhte auf Lizenzen und Genehmigungen von Health Canada für Anbau, Besitz, Verarbeitung, Verkauf, Einfuhr und Ausfuhr von Hanf, gebunden an zugelassene Sorten der Liste von Health Canada und an die Prüfung des THC-Gehalts der Ernte. Die Trennlinie von Health Canada für Industriehanf liegt bei einer THC-Konzentration von höchstens 0,3 Prozent in Blütenständen und Blättern; Material oberhalb dieser Grenze wird als Cannabis behandelt. Diese Verordnung ist die rechtliche Grundlage, auf der kanadische Hanfsamen, Hanfsamenöl und Hanfprotein in die Lebensmittelversorgung und den Exporthandel gelangten. Sie wurde am 17. Oktober 2018 aufgehoben und durch neue Industrial Hemp Regulations nach dem Cannabis Act ersetzt, sodass der Text von 1998 heute historische, nicht aber aktuelle Geltung hat.

Autoren:
PG
Dr. Patay Gábor
Arzt, Mikrobiota-Spezialist
BA
Dr. Bezzegh Attila
ärztlicher Direktor, klinischer Mikrobiologe
AM
Dra. Anna Munar
Ärztin, Exposom-Spezialistin
MicroBiome Bank — medizinisch geprüfte Fachinhalte. Letzte Aktualisierung: 2026.