9. Mate
Der südamerikanische "grüne Kaffee" – Mate-Polyphenole, natürliches Koffein und die Energietradition der Gauchos.
Was liefert es? Ein dreifaches Methylxanthinprofil: Koffein (70–110 mg/Tasse – Wachheit), Theobromin (milderer, länger wirkender Vasodilatator) und Theophyllin (Bronchodilatator) – zusammen erzeugen sie einen "ruhigen Fokus". Chlorogensäure (ein auch im Kaffee vorkommendes Polyphenol, das den Lipid- und Glukosestoffwechsel moduliert) macht 5–10% der Trockenmasse aus. Boaventura 2012 RCT: 1 Liter Mate/Tag über 8 Wochen bewirkte bei hyperlipidämischen Erwachsenen eine LDL-Senkung um 13% [1840].
Wie viel? Traditionell 50 g getrocknete Yerba / 500 ml Wasser (Bombilla und Kalebasse), 2- bis 4-mal täglich = ≈ 200–400 mg Koffein. Als moderner Tee: 2–3 g / 200 ml, 70–80 °C, 3–5 Min. Tereré (kalte, eisgekühlte Zitrusform) ist die sicherste Variante.
Wann meiden? Heißer Verzehr > 65 °C (IARC 2A – wahrscheinlich krebserregend, Plattenepithelkarzinom der Speiseröhre – die Temperatur, nicht die Pflanze!) [1839]; Schwangerschaft mit > 200 mg/Tag Koffein; schwere Hypertonie ≥ 160/100; Panikstörung, GAD; MAO-Hemmer oder Lithium (Wechselwirkung); Clozapin, Theophyllin-Präparate (CYP1A2-Hemmung); paroxysmale SVT, Vorhofflimmern; nach 14 Uhr (Schlaflosigkeit); Kindheit < 14 Jahre; neben dem Rauchen (Vervielfachung des Krebsrisikos).
Mate ist seit 1500 Jahren das heilige Getränk der indigenen Guaraní – das Wort "caá" ("Pflanze") war gleichbedeutend mit Tee, Wald und Leben. Im 16. Jahrhundert brandmarkten spanische Kolonisatoren es wegen seiner anregenden Wirkung zunächst als "Teufelskraut", doch der Jesuitenorden übernahm es bald und importierte es als "Jesuitentee" nach Europa. Die Missionskarawanen des 18. Jahrhunderts (Reducciones) machten die Yerba-Produktion in Paraguay, in der Provinz Misiones und im Süden Brasiliens zu einer organisierten Industrie. Die Guaraní-Kalebasse (Schale des Flaschenkürbisses) und die Bombilla (Silberhalm) prägten der Tradition ein rituelles Schlürfen auf – das Mate-Schlürfen ist auch eine gemeinschaftliche Geste, ein Symbol der "Zugehörigkeit".
In der Neuzeit ist die Mate-Kultur ein zentrales Element der argentinischen, uruguayischen, paraguayischen und südbrasilianischen Identität – Uruguay führt die Welt mit einem jährlichen Yerba-Verbrauch von 8 kg/Person an. Das wissenschaftliche Interesse des 21. Jahrhunderts explodierte mit der IARC-Monographie von Loomis 2016: Das Trinken von heißem Mate (≥ 65 °C) wurde zu einem eigenständigen Risikofaktor für das Plattenepithelkarzinom der Speiseröhre (2A – wahrscheinlich krebserregend für den Menschen). Das betrifft die Temperatur, nicht die Matepflanze selbst. Die andere Hauptlinie der klinischen Evidenz sind Lipid- und Gewichtsmarker: Boaventura 2012 (RCT) dokumentierte bei hyperlipidämischen Patienten nach 8 Wochen mit 1 Liter Mate/Tag eine LDL-Senkung von −13%.
Wissenschaftlicher Hintergrund
Das Methylxanthinprofil des Mate ist unter den Tees einzigartig: Kaffee enthält nur Koffein; Tee enthält Koffein + geringe Mengen Theophyllin/Theobromin – Mate hingegen enthält alle drei Xanthine in signifikanten Mengen. Das erklärt das subjektive Profil der "ruhigeren Wachheit": Theobromin ist ein milderer, länger anhaltender Vasodilatator und Bronchodilatator als Koffein, sodass die Energiespitze weniger "spitz" ausfällt. Der Chlorogensäuregehalt (5–10% der Trockenmasse) ist höher als in vielen Kaffees – das ist der wichtigste nicht stimulierende Wirkstoff des Mate [1841].
Der robusteste Bereich der klinischen Evidenz ist der Lipidstoffwechsel. Boaventura 2012 (RCT, n = 102, hyperlipidämische Erwachsene): 1 Liter Mate/Tag über 8 Wochen → −13% LDL und +7% HDL-Anstieg. Die Metaanalyse von Klika 2017 (5 RCTs) bestätigte eine mäßige LDL- und Körpergewichtsreduktion [1842]. Bei T2DM dokumentieren kleine Pilotstudien eine mäßige HbA1c-Senkung. Ursolsäure (und ihre Derivate) zeigen in vitro eine AMPK-Aktivierung und eine Steigerung der Glukoseaufnahme [1843].
Die onkologische Seite ist die umstrittenste. Südamerikanische Beobachtungsstudien (Loria 2009, IARC-Zusammenfassungen) finden einen konsistenten Zusammenhang mit Speiseröhren-, Kehlkopf- und Mundhöhlenkrebs [1844] – ABER eine strenge Analyse zeigt, dass es sich um den allgemein bei heißen Getränken beobachteten Effekt handelt, NICHT um einen matespezifischen. Bei nicht heißem (lauwarmem oder kaltem "Tereré") Verzehr verschwindet das Risiko. Die IARC-Monographie von 2016 stuft ausdrücklich nur heiße Getränke (> 65 °C) als 2A ein – die Matepflanze selbst ist 3 (nicht einstufbar).
Auf Mikrobiomebene erhöhen die Abbauprodukte der Chlorogensäure (insbesondere Kaffee- und Chinasäure) in humanen In-vitro-Fermentationsmodellen den Anteil von Bifidobacterium und Lactobacillus. Der Koffeingehalt verringert den Bacteroides-Anteil mäßig. Humane RCT-Mikrobiomevidenz ist in diesem Bereich noch spärlich [1845].
- + Zitrone, Orangenschale: klassisches uruguayisches "Mate dulce"-Geschmackselement – Polyphenolsynergie.
- + Honig, Dattelsirup (im lauwarmen Tee): Geschmackskorrektur, Glykogenauffüllung vor dem Training.
- + Ingwer, Minze: südbrasilianische Chimarrão-Tradition – verdauungsunterstützende Kombination.
- + Verzehr am Morgen/Vormittag: Zeitfenster für Koffein; am Abend nicht ratsam.
- + Tereré (kaltes Wasser + Eis + Zitrussaft): DIE SICHERSTE Zubereitung – kein Speiseröhrenkrebsrisiko, paraguayische Sommerform.
- + Hoher Ballaststoffzufuhr (Hafer, Hülsenfrüchte): Chlorogensäure + Ballaststoffe mit synergistischer SCFA-Produktion.
- MAO-Hemmern (Phenelzin, Tranylcypromin, Moclobemid): Risiko einer hypertensiven Krise bei hoher Koffeinzufuhr.
- SSRI, SNRI in hohen Dosen: Koffein + Risiko eines Serotoninsyndroms (selten, aber beschrieben).
- Lithium: Koffein senkt den Lithiumspiegel – Überwachung.
- Adenosin, Dipyridamol (medikamentöse Belastungstests): Koffein blockiert die Adenosinwirkung nachweislich.
- Warfarin, DOAK: geringer Vitamin-K- und Methylxanthingehalt – INR-Überwachung.
- Clozapin, Theophyllin-Präparaten: Koffein hemmt CYP1A2, die Arzneimittelspiegel steigen.
- Ephedrin, Pseudoephedrin, Stimulanzien zur Gewichtsabnahme: kumulative kardiovaskuläre Belastung.
- Eisensupplementierung: Chlorogensäure und Tannin chelatieren Eisen – 2 Stunden Abstand.
- Heißen Getränken (> 65 °C) allgemein: IARC-2A-Speiseröhrenkrebsrisiko.
- Hoch dosierter Acetylsalicylsäure + viel Mate: schwaches additives Risiko für gastrointestinale Blutungen.
- Trinker heißer Getränke (> 65 °C): ⚠️ IARC 2A – wahrscheinliches Karzinogen für das Plattenepithelkarzinom der Speiseröhre. Das Wasser unter 65–70 °C abkühlen lassen oder als Tereré (kalt) verzehren.
- Schwangerschaft: Koffeingrenze 200 mg/Tag (≈ 1 Mate-Sitzung) [1846]. Hohe Dosen mit Fehlgeburts- und Frühgeburtsrisiko.
- Stillzeit: Koffein geht in die Muttermilch über – Unruhe und Schlafstörungen beim Säugling.
- Schwere Hypertonie (≥ 160/100): Koffein kann einen Blutdruckanstieg verursachen.
- Panikstörung, schwere Angst, GAD: Koffein kann sie auslösen.
- Schlaflosigkeit, Schlafstörung: nach 14 Uhr zu meiden.
- Aktives Magengeschwür, schwerer GERD: Koffein + saures Tannin können reizen.
- Schwere Herzrhythmusstörung (paroxysmale SVT, Vorhofflimmern): Koffein kann sie auslösen.
- Hyperthyreose: Koffein verschlimmert sie.
- Glaukom (Engwinkelglaukom): vorübergehender Anstieg des Augeninnendrucks.
- Nierenversagen (CKD 4–5): verminderte Koffein-Clearance.
- Kindheit (< 14 Jahre): Risiko einer Koffeintoxizität.
- Rauchern (Kombination mit heißem Mate): Das Speiseröhrenkrebsrisiko steigt dramatisch.
"Mate ist besser als Kaffee, sanfter und gesünder." ❌ Teilweise wahr, teilweise ein Mythos. Das dreifache Methylxanthinprofil erzeugt ein anderes subjektives Erleben, doch die Koffeinmenge ist ähnlich (in konzentrierten Formen kann sie sogar höher sein). "Sanfter" ist eher ein pharmakokinetischer Unterschied, KEIN klinischer Sicherheitsvorteil. Beide sind Stimulanzien.
"Mate macht schlank – argentinische Frauen sind deswegen schlank." ❌ Kleine RCTs dokumentieren 1–2 kg Gewichtsverlust über 12 Wochen – kein sinnvolles Instrument zur Gewichtsabnahme. Die argentinische Körpergewichtsstatistik zeigt 60% Übergewicht/Adipositas (2018) – Mate schützt nicht vor Adipositas.
"Mate ist ein sicheres krebshemmendes Superdrink." ❌ Das GEGENTEIL trifft zu: Heißer Mate ist ein erwiesener Risikofaktor für das Plattenepithelkarzinom der Speiseröhre (IARC 2A). Die Logik "antioxidativ, also krebshemmend" versagt hier – das hitzebedingte chronische Schleimhauttrauma ist ein stärkeres Karzinogensignal als die polyphenolische Schutzwirkung.
"Bombilla und Kalebasse sind nur Tradition; ein moderner Teefilter ist dasselbe." ❌ Das Schlürfen mit der Bombilla hat echte VOR- und NACHTEILE: pro = Der Metallfilter hält feinen Staub zurück, besseres Erlebnis; contra = Er leitet die heiße Flüssigkeit konzentriert auf eine kleine Fläche des Oropharynx, was nach einigen Theorien zum oben genannten Krebsrisiko beiträgt. Der moderne Teefilter ist geschmacklich anders, sicherheitstechnisch aber nicht schlechter.
"Mate ist völlig natürlich, also muss man keinen Arzt fragen." ❌ Mate ist pharmakologisch aktiv (Koffein, Chlorogensäure), verursacht Arzneimittelwechselwirkungen (MAO-Hemmer, Lithium, Clozapin) und hat ein epidemiologisches Krebsrisikoprofil. Ein ernstzunehmendes phytochemisches Produkt – informieren Sie im medizinischen Kontext den behandelnden Arzt.
"'Energie-Mate-Getränke' (Club Mate, Materva, abgefüllt) sind dasselbe wie die traditionelle Variante." ❌ Abgefüllte Mate-Getränke enthalten oft viel Zuckerzusatz und Konservierungsstoffe, und das Polyphenolprofil wird durch die Pasteurisierung erheblich verändert. Charakterlich und im klinischen Profil verschieden.
Traditionell (Chimarrão/Mate cebado): 30–50 g Mate in die Kalebasse geben, Wasser auf 70–80 °C erhitzen (NICHT kochen!), neben der Bombilla eingießen, 1 Minute "öffnen" lassen, schlürfen. Dieselbe Yerba kann 6- bis 10-mal nachgegossen werden, bis der Geschmack "lavada" (ausgewaschen) ist.
Tereré (PARAGUAYISCHER SOMMER, SICHERER): 30 g Yerba + 500 ml kaltes Wasser + Eis + Limette/Zitrone + Minze/Ingwer. KEIN Speiseröhrenkrebsrisiko. Besonders empfohlen für einen modernen, gesundheitsbewussten Verzehr.
Als moderner Tee: 2–3 g getrocknete Yerba / 200 ml Wasser bei 70–80 °C, 3–5 Min., abgeseiht.
Klassische Muster:
- Mate cocido (argentinischer Teebeutel-Mate): gefiltert, unter 80 °C – Kaffeeersatz am Morgen
- Chimarrão (Südbrasilien): bitter, "Mate amargo" – pur, ohne Zucker
- Mate dulce uruguayo: mit etwas Zucker, Orangenschale
- Tereré paraguayo: kalt, Zitrussaft, Minze – sichere Sommerwahl
- Mate-Latte: aufgeschäumte Mandel-/Hafermilch + starker kalt aufgegossener Mate + Honig – moderner Café-Trend
Lagerung: in einem luftdichten Glas, an einem dunklen Ort. Frisch gekaufte Yerba ist 6 Monate polyphenolstabil; danach nimmt das Aroma ab.
Was Sie vermeiden sollten: ⚠️ GIESSEN SIE KEIN HEISSES WASSER (> 70 °C) DARÜBER! Speiseröhrenkrebsrisiko. Nicht mit dem Rauchen kombinieren (Vervielfachung des Risikos). Nicht am Abend trinken (Schlaflosigkeit). Nicht mit MAO-Hemmern kombinieren. Nicht an Säuglinge/Kleinkinder geben. Den Wasserkocher nicht bei 100 °C neben dem Mate stehen lassen – 70 °C sind optimal.
Literatur
[1839] Loomis D et al. (IARC Monograph WG). Carcinogenicity of drinking coffee, mate, and very hot beverages. Lancet Oncol 2016;17(7):877–878. . 2016. Link
[1840] Boaventura BC et al. Association of mate tea (Ilex paraguariensis) intake and dyslipidemia in adults — a randomized clinical trial. Nutrition 2012;28(6):657–664. . 2012. Link
[1841] Heck CI, de Mejia EG. Yerba mate tea (Ilex paraguariensis): a comprehensive review on chemistry, health implications, and technological considerations. J Food Sci 2007;72(9):R138–R151. . 2007. Link
[1842] Klika KD et al. Mate as functional food — meta-analysis. Nutrients 2017;9(7):690. . 2017.
[1843] Bracesco N et al. Recent advances on Ilex paraguariensis research: minireview. J Ethnopharmacol 2011;136(3):378–384. . 2011. Link
[1844] Loria D et al. Risk of esophageal cancer associated with mate consumption — Argentina meta-analysis. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 2009;18(2):432–438. . 2009. Link
[1845] de Mejia EG et al. Bioactive components of tea, coffee, and yerba mate. Food Funct 2015;6(2):360–371. . 2015.
[1846] EFSA Panel on Dietetic Products. Scientific opinion on the safety of caffeine. EFSA J 2015;13(5):4102. . 2015. Link

