2. Duschhäufigkeit und Hautmikrobiota
Häufiges heißes Duschen mit scharfer Seife trägt die schützende mikrobielle Barriere der Haut ab; sanftes, maßvolles Waschen hält Haut und Mikrobiota stabiler.
Hygiene, Hautmikrobiota und das Paradox der Übersterilisierung
Häufiges Duschen, besonders mit scharfen Seifen, stört die natürliche Mikrobiota der Haut, beeinträchtigt ihre Barrierefunktion und beeinflusst über die Haut-Darm-Achse indirekt die Darmgesundheit [260].
Im Jahr 2014 meldete sich eine Wissenschaftsjournalistin namens Julia Scott für ein ungewöhnliches Experiment: Sie erklärte sich bereit, vier Wochen lang auf Seife, Shampoo und herkömmliche Reinigungsprodukte zu verzichten und stattdessen täglich ein Spray mit lebenden Nitrosomonas-eutropha-Bakterien – ammoniakoxidierenden Bakterien, die natürlicherweise in Boden und Wasser vorkommen – auf ihre Haut aufzutragen. Das Experiment war von David Whitlock entworfen worden, einem Chemieingenieur in Massachusetts, der seit über zwölf Jahren nicht mehr geduscht hatte, weil er zu dem Schluss gekommen war, dass moderne Badegewohnheiten der Haut genau jene Mikroorganismen entziehen, die ihre Chemie regulieren. Whitlocks Hypothese lautete, dass Nitrosomonas, das den Ammoniak im menschlichen Schweiß zu Nitrit und Stickstoffmonoxid umwandelt, die menschliche Haut historisch besiedelt habe und dass seine Entfernung durch Seife und heißes Wasser eine junge und schlecht durchdachte Störung eines funktionierenden Ökosystems sei. Scotts im New York Times Magazine veröffentlichter Bericht über das Experiment schilderte, dass sich die Beschaffenheit ihrer Haut veränderte und ihr Körpergeruch trotz des Verzichts auf Seife abnahm. Die wissenschaftliche Evidenz für konkrete klinische Vorteile bleibt begrenzt. Nicht begrenzt ist die zugrunde liegende Frage, die das Experiment aufwarf: Jedes Duschen entfernt Mikroorganismen von der Haut, und das Hautmikrobiom ist nicht bloß ein kosmetisches Phänomen. Es ist eine Barriere, eine immunologische Schnittstelle und eine Quelle mikrobieller Aussaat für jede Oberfläche und jeden Menschen, mit dem die Haut anschließend in Kontakt kommt. Die Frage ist nicht, ob man sich waschen soll. Sie lautet, was das Waschen außer Schmutz noch entfernt.
Die Hautmikrobiota wurde erstmals systematisch in einer wegweisenden Arbeit von Grice und Segre beschrieben, die 2011 in Nature Reviews Microbiology erschien und feststellte, dass die Haut über ihre unterschiedlichen ökologischen Nischen hinweg etwa 1.000 Bakterienarten beherbergt – der trockene Unterarm, die feuchte Leiste, die talgreiche Kopfhaut –, jede mit einer charakteristischen mikrobiellen Gemeinschaft, geformt von lokalem pH-Wert, Feuchtigkeit, Lipidzusammensetzung und Immunüberwachung. [261] Die Wirkung der Duschhäufigkeit auf die Hautmikrobiota gelangte über eine dänische Kohortenstudie in die Forschung, die persönliche Hygienegewohnheiten und die Zusammensetzung der Hautmikrobiota bei gesunden Erwachsenen untersuchte. Die in PLOS ONE veröffentlichte Studie fand, dass Menschen, die seltener duschten – einmal alle zwei bis drei Tage statt täglich –, eine höhere Vielfalt der Hautmikrobiota, eine höhere Häufigkeit von Staphylococcus epidermidis (einem Kommensalen, der vor einer Besiedlung mit S. aureus schützt) und niedrigere Werte entzündlicher Hautzytokine in Klebestreifenproben aufwiesen. Häufigeres Duschen, besonders mit antibakteriellen Seifen, korrelierte mit einer geringeren Häufigkeit von Kommensalen und einer höheren relativen Häufigkeit potenzieller Pathobionten. [260] Der Mechanismus ist einfach: Tägliches Duschen mit Seife entfernt die Talgschicht, den Schweiß und die Organismen der Hautoberfläche, die zusammen die erste mikrobielle Barriere der Haut bilden. Kommensale Organismen wie Staphylococcus epidermidis erzeugen Bakteriozine und Fettsäuremetaboliten, welche die Besiedlung durch Krankheitserreger unterdrücken. Die wiederholte Entfernung dieser Kommensalen erfordert eine Wiederbesiedlung von Körperstellen aus, die vor dem Waschen geschützt sind – Follikel, Falten und Schleimhautränder –, ein Vorgang, der 24 bis 48 Stunden dauert und die Haut vorübergehend anfälliger zurücklässt. [2686] Die klinische Anwendung ist vom Zusammenhang abhängig: Tägliches Duschen zur Körperpflege ist im Großen und Ganzen angemessen, doch der routinemäßige Gebrauch antibakterieller Seifen außerhalb klinischer Umgebungen entfernt eine schützende mikrobielle Gemeinschaft, ohne einen entsprechenden Nutzen zu bieten. Milde Reinigungsmittel und der Verzicht auf übermäßiges Waschen von Körperstellen, die nicht sichtbar verschmutzt sind, sind mit dem Erhalt einer stabilen Hautmikrobiota vereinbar.
Wenn wir über Hygiene sprechen, ist es hilfreich, sich zu vergegenwärtigen, dass die Haut ein lebendes Organ mit einer eigenen Mikrobiota und keine sterile Oberfläche ist. Bakterien, Pilze und Viren leben normalerweise auf gesunder Haut und helfen, den Säuregrad aufrechtzuerhalten, antimikrobielle Substanzen zu erzeugen und Signale an Immunzellen zu senden. Das Waschen schützt uns vor Infektionen, aber es verändert auch dieses Milieu [257].
Dermatologische Studien zeigen, dass häufiges Waschen mit heißem Wasser und starken Tensiden Oberflächenlipide entfernen und die Zusammensetzung der Hautmikrobiota vorübergehend verändern kann. Bei den meisten Menschen erholen sich diese Gemeinschaften, doch eine wiederholte Störung kann Trockenheit oder Reizungen verschlimmern, besonders bei Menschen mit Ekzem oder empfindlicher Haut. Eine Barriereschädigung erhöht den transepidermalen Wasserverlust und macht die Haut empfindlicher gegenüber Auslösern aus der Umwelt.
Manche häufigen Hautbewohner, etwa Staphylococcus epidermidis oder Cutibacterium acnes, sind an der Immunregulation beteiligt und helfen, das Wachstum von Krankheitserregern zu begrenzen. Ihr Vorhandensein bedeutet keine Krankheit. Eine stabile Hautbarriere und Mikrobiota verringern unnötige Entzündung, was besonders bei chronischen Hauterkrankungen wichtig ist.
Patientinnen und Patienten fragen häufig, ob Waschgewohnheiten die Darmmikrobiota beeinflussen. Der Zusammenhang ist indirekt. Eine chronische Hautentzündung kann systemische Immunwege aktivieren, und eine systemische Entzündung kann die Physiologie des Darms beeinflussen. Es gibt jedoch wenig Evidenz dafür, dass routinemäßige Duschgewohnheiten die Zusammensetzung der Darmmikrobiota bei gesunden Erwachsenen unmittelbar verändern. Die Beziehung lässt sich besser als immunologische Wechselwirkung denn als mikrobieller Transfer beschreiben.
Aus klinischer Sicht sollte die Hygiene an den Lebensstil angepasst werden. Menschen, die intensiv Sport treiben, in staubigen Umgebungen arbeiten oder in heißen Klimazonen leben, brauchen möglicherweise häufigeres Waschen. Anderen mit trockener oder empfindlicher Haut geht es oft besser mit kürzeren Duschen, lauwarmem Wasser und milden Reinigungsmitteln. Ziel ist es, die Haut sauber zu halten und zugleich ihre Barriere zu bewahren.
Antibakterielle Seifen sind in medizinischen Einrichtungen nützlich, doch der routinemäßige Gebrauch zu Hause bringt selten einen zusätzlichen Nutzen. Sie verringern sowohl schädliche als auch nützliche Bakterien und können die Haut reizen. Einfache Reinigungsmittel und das Eincremen nach dem Waschen helfen, die Lipidschicht wiederherzustellen, die eine stabile mikrobielle Gemeinschaft trägt.
Die individuelle Schwankungsbreite ist bedeutsam. Kinder, ältere Menschen und Patientinnen und Patienten mit chronischen Hauterkrankungen benötigen oft sanftere Routinen. Auch kulturelle Gewohnheiten unterscheiden sich, und es gibt keine einzige richtige Duschhäufigkeit für alle. Gesunde Haut definiert sich eher über Wohlbefinden, eine intakte Barrierefunktion und das Fehlen von Entzündung als über die Häufigkeit des Waschens.
Zusammengefasst schützt uns Hygiene, doch eine Übersterilisierung kann das Gleichgewicht zwischen Hautbarriere und Mikrobiota stören. Durchdachte Waschgewohnheiten–weder nachlässig noch übertrieben–helfen, die Hautgesundheit zu erhalten, und unterstützen das Immunsystem, das die Haut mit dem übrigen Körper verbindet.
Duschhäufigkeit und Hautpflege für die Mikrobiotagesundheit gestalten
In der klinischen Beratung werden Duschgewohnheiten als individuelle Routinen betrachtet, die von Klima, Aktivitätsniveau, Beruf und Hautzustand geprägt sind, und nicht als festes allgemeingültiges Schema.
Eine Ganzkörperwäsche ist häufig nach starkem Schwitzen, nach sichtbarer Verschmutzung oder bei besonderen beruflichen Risiken am sinnvollsten; ansonsten kann für viele Menschen die gezielte Reinigung der stark schwitzenden Bereiche ausreichen.
Milde, pH-angepasste Reinigungsmittel und lauwarmes Wasser sind vorzuziehen, weil sie die Lipidbarriere bewahren und eine unnötige Störung der Hautmikrobiota verringern.
Antibakterielle Seifen bleiben im Allgemeinen medizinischen Einrichtungen oder besonderen Indikationen vorbehalten, da der routinemäßige Gebrauch wenig Nutzen bringt und die Haut reizen oder das mikrobielle Gleichgewicht verändern kann.
Sanftes Abtrocknen und regelmäßiges Eincremen helfen, die Hautbarriere wiederherzustellen, was eine stabile mikrobielle Gemeinschaft trägt und Reizungen verringert, besonders bei Menschen mit Ekzem oder empfindlicher Haut.
Peelings sollten mit Zurückhaltung eingesetzt werden; häufiges mechanisches oder chemisches Peelen kann die Barriere schädigen und die mikrobielle Zusammensetzung vorübergehend verändern.
Der Zeitpunkt des Duschens ist weniger wichtig als die Hautpflege insgesamt; manche Menschen waschen sich lieber abends nach der Umweltexposition, während andere mit einer Morgenroutine gut zurechtkommen. Beständigkeit und Hautwohlbefinden sind bessere Richtschnüre als starre Regeln.
Zeiträume zwischen den Ganzkörperduschen erlauben es der Hautbarriere und der Oberflächenmikrobiota, sich auf natürliche Weise zu stabilisieren, doch die Hygiene sollte weiterhin dem persönlichen Wohlbefinden, dem sozialen Umfeld und den medizinischen Erfordernissen entsprechen.
Der Umweltkontakt–der normale Kontakt mit anderen Menschen, mit Kleidung und mit dem alltäglichen Umfeld–besät die Hautmikrobiota fortwährend neu, weshalb die Duschhäufigkeit allein nur begrenzte langfristige Auswirkungen hat.
Insgesamt lassen sich Duschgewohnheiten am besten als Teil eines umfassenderen Zugangs zur Hautgesundheit verstehen, der eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, eine ausgewogene Ernährung, die angemessene Behandlung von Hauterkrankungen und den Verzicht auf unnötige antimikrobielle Produkte einschließt.
Wirkungen auf die Mikrobiota
- Häufiges Waschen mit starken Tensiden und heißem Wasser kann die Zusammensetzung der Hautmikrobiota vorübergehend verändern, die Oberflächenlipide verringern und den transepidermalen Wasserverlust erhöhen; bei den meisten Menschen erholt sich die Mikrobiota innerhalb von Tagen teilweise [261].
- Eine Barriereschädigung begünstigt bei atopischer Dermatitis die Überwucherung durch opportunistische Organismen wie Staphylococcus aureus, während schützende Kommensalen wie Staphylococcus epidermidis oder Cutibacterium acnes in ihrer relativen Häufigkeit abnehmen können [260].
- Zur Hautmikrobiota zählen Bakterien, Pilze (z. B. Malassezia-Arten), Viren (einschließlich Bakteriophagen) und gelegentlich Archaeen; routinemäßige Hygienepraktiken beeinflussen vor allem ihre relative Häufigkeit, statt sie zu beseitigen.
- Eine Störung der Hautbarriere kann lokale und systemische Immunsignalwege aktivieren; eine chronische Hautentzündung ist mit erhöhten zirkulierenden Entzündungsmediatoren assoziiert, die über Immunwege entfernte Organe einschließlich des Darms beeinflussen können.
- Ein direkter Transfer von Hautmikroben in die Darmmikrobiota ist bei gesunden Erwachsenen nicht belegt; die Wechselwirkungen zwischen Haut und Darm erklären sich besser über immunologische und neuroendokrine Signalgebung als über mikrobielle Besiedlung.
- Scharfe Seifen erhöhen den Haut-pH-Wert und verringern den Lipidgehalt, was die Kolonisationsresistenz[G] verringern und die Anfälligkeit für Reizungen oder Infektionen erhöhen kann, besonders bei Menschen mit Ekzem, Psoriasis oder gestörter Barrierefunktion.
- Das Eincremen nach dem Waschen stellt die Lipidschichten wieder her und unterstützt die Erholung der normalen Hautmikrobiota; die Evidenz für spezielle "präbiotische" topische Produkte bleibt begrenzt und uneinheitlich.
- Eine schonendere Reinigung (kurze Duschen, milde Reinigungsmittel, Waschen der stark schwitzenden Bereiche) hilft, die Hygiene aufrechtzuerhalten und zugleich die Störung der mikrobiellen Hautgemeinschaften möglichst gering zu halten.
- Umweltexpositionen–der Kontakt mit anderen Menschen, mit Kleidung und mit natürlichen Umgebungen–besäen die Hautmikrobiota fortwährend neu; die Duschhäufigkeit allein hat im Vergleich zu Wirtsfaktoren wie Genetik, Alter, Klima und Beruf mäßige langfristige Auswirkungen.
- Insgesamt beeinflussen Duschgewohnheiten die Hautmikrobiota lokal, doch Ernährung, Antibiotika, Krankheit und Lebensstil wirken sich weit stärker auf die Zusammensetzung der Darmmikrobiota aus.
Hinweise für Patientinnen und Patienten
- Duschen Sie nach starkem Schwitzen, sichtbarer Verschmutzung oder beruflicher Exposition; ansonsten reicht eine Ganzkörperdusche alle 1–2 Tage meist aus.
- Waschen Sie Hände, Gesicht, Achseln, Füße und Leisten täglich, bei Bedarf mit milder Seife.
- Verwenden Sie milde, pH-angepasste Reinigungsmittel; vermeiden Sie antibakterielle Duschgele im Alltag.
- Halten Sie die Duschen kurz und verwenden Sie lauwarmes Wasser.
- Tupfen Sie die Haut sanft trocken und tragen Sie nach dem Duschen eine einfache Feuchtigkeitspflege auf.
- Beschränken Sie Peelings auf einmal wöchentlich oder seltener, wenn Ihre Haut empfindlich ist.
- Passen Sie die Duschhäufigkeit an, wenn die Haut trocken, juckend oder gereizt wird.
- Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, bevor Sie Hygienegewohnheiten ändern, wenn Sie ein Ekzem, eine Psoriasis oder wiederkehrende Hautinfektionen haben.
- Denken Sie daran, dass Ernährung, Schlaf, Stress und Antibiotika die Darmmikrobiota weit stärker beeinflussen als die Duschhäufigkeit.
- Streben Sie saubere, angenehme Haut an–kein übermäßiges Waschen.
Tägliches Baden mit Seife verringert die Erregerlast auf der Haut, doch eine übermäßige Häufigkeit oder der Gebrauch von Breitspektrum-Antibakteriellen dezimiert die Vielfalt der Hautmikrobiota und erhöht das Risiko für Ekzem, Akne und eine gestörte Hautbarriere. Das Hautmikrobiom kommuniziert über dendritische Zellen und IgE-vermittelte Wege mit dem Immunsystem des Darms; eine Hautdysbiose wurde in atopischen Kohorten mit entzündlichen Reaktionen im Darm in Verbindung gebracht. Milde, parfümfreie Reinigungsmittel, auf Körperfalten und Füße aufgetragen, halten Hygiene und Mikrobiotaerhalt im Gleichgewicht.
Literatur
[24] Sonnenburg JL, Bäckhed F. Diet–microbiota interactions as moderators of human metabolism. Nature. 2016. Link
[257] Rook, G. A. Regulation of the immune system by biodiversity from the natural environment. Proc Natl Acad Sci USA. 2013. Link
[260] Nakatsuji T, Chen TH, Narala S et al. Antimicrobials from human skin commensal bacteria protect against Staphylococcus aureus and are deficient in atopic dermatitis. Sci Transl Med. 2017. Link
[261] Grice EA, Segre JA. The skin microbiome. Nat Rev Microbiol. 2011. Link
[2686] Two AM, Nakatsuji T, Kotol PF, Arvanitidou E, Du-Thumm L, Hata TR, Gallo RL. The Cutaneous Microbiome and Aspects of Skin Antimicrobial Defense System Resist Acute Treatment with Topical Skin Cleansers. . 2016. Link

