Profil 2: Chronisch-entzündliche Darmerkrankung – undifferenziert / kombiniert (IBD)
Wenn sich eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung nicht eindeutig als Kolitis oder Morbus Crohn einordnen lässt, leitet dieses Profil zu einem vorsichtigen, kombinierten Vorgehen bei der FMT an.
| Parameter | IBD-spezifische Angaben |
|---|---|
| Evidenzniveau | ★★★☆☆ Moderat. Colitis ulcerosa (Profil 2) und Morbus Crohn (Profil 3) werden gesondert mit krankheitsspezifischer Evidenz profiliert. Dieses kombinierte IBD-Profil gilt für Patientinnen und Patienten mit nicht klassifizierter IBD (IBD-U), Überlappungsphänotypen oder klinischen Bildern, die die Kriterien für UC oder CD nicht eindeutig erfüllen. Die Evidenzbasis stammt aus UC- und CD-Studien; direkte FMT-Studiendaten zu IBD-U sind begrenzt. |
| Mechanismus der Dysbiose | Kern-Dysbiose der IBD: verringerte mikrobielle Vielfalt; Umkehr des Firmicutes/Bacteroidetes-Verhältnisses; Verarmung an Faecalibacterium prausnitzii; Proteobacteria-Bloom (besonders adhärent-invasive E. coli beim CD-Typ); gestörte Kolonisationsresistenz; Funktionsstörung der Schleimhautbarriere; dysregulierte angeborene und adaptive Immunantworten auf die luminale Mikrobiota. |
| Primäre Mikrobiota-Ziele | Wiederherstellung von F. prausnitzii und butyratbildenden Lachnospiraceae. Unterdrückung adhärent-invasiver E. coli. Wiederaufbau der Kolonisationsresistenz. Normalisierung des mukosalen Immuntonus (Treg/Th17-Gleichgewicht). Wiederherstellung der Bildung kurzkettiger Fettsäuren für die Energieversorgung der Kolonozyten. |
| Protokollanpassung | Vollständiges 4-Phasen-Protokoll. Vor Beginn der FMT wird eine Überprüfung der Klassifikation empfohlen – erlauben spätere klinische oder histologische Merkmale eine Neuzuordnung zu UC oder CD, ist das jeweilige krankheitsspezifische Profil anzuwenden. Aktive schwere Erkrankung: IBD-U-Patientinnen und -Patienten mit schwerer Aktivität (CDAI >300 oder Mayo ≥9) sollten vor der FMT stabilisiert werden. Biologika und Immunsuppressiva: in stabiler Dosis fortführen; während der FMT nicht verändern, sofern die Gastroenterologin oder der Gastroenterologe es nicht anordnet. |
| Mindestdauer des Transfers | Mindestens 60 Tage; bei IBD-U werden angesichts der diagnostischen Unsicherheit 90 Tage bevorzugt. Die Dauer sollte nach 60 Tagen im Kontext des Symptomverlaufs und einer etwaigen Neuklassifikation neu beurteilt werden. |
| Vorrangiger Exposom-Schwerpunkt | Nahrungsfasern (löslich und fermentierbar; Vorsicht mit unlöslichen Fasern während eines Schubs). Verringerung ultraverarbeiteter Lebensmittel, Emulgatoren und künstlicher Süßstoffe (alle dokumentiert als Verstärker der IBD-Dysbiose). Entzündungshemmendes Ernährungsmuster. Stressreduktion – die HPA-Achse verschlechtert die Integrität der Schleimhautbarriere unmittelbar. Schlafqualität – schlechter Schlaf verstärkt die entzündlichen Zyklen der IBD. |
| Erwarteter zeitlicher Verlauf des Ansprechens | Stuhlfrequenz und -konsistenz: Besserung innerhalb von 2–4 Wochen bei UC-artigen Bildern; langsamer beim CD-Typ (4–8 Wochen). Entzündungsbiomarker (CRP, fäkales Calprotectin): 4–8 Wochen. Endoskopische Schleimhautheilung: 12–24 Wochen. Lebensqualität: 4–12 Wochen. |
| Warnzeichen (IBD-spezifisch) | Fieber ≥38°C (IBD-Schub oder infektiöse Komplikation – sofortiger klinischer Kontakt). Deutliche rektale Blutung oder Veränderung der Stuhlbeschaffenheit. Starke Bauchschmerzen. Alle Symptome, die die Notfallkriterien der Stufe 1 erfüllen (siehe Kapitel II). Verschlechterung extraintestinaler Manifestationen (Gelenke, Augen, Haut) – kann systemische Entzündungsaktivität widerspiegeln. Neue perianale Symptome (Risiko einer CD-artigen Komplikation). |
Tabelle 13 – Klinisches Profil: Chronisch-entzündliche Darmerkrankung – undifferenziert (IBD-U) # Protokollparameter, Evidenzniveau und für IBD-U spezifische klinische Anpassungen.
Hinweis: Bei Patientinnen und Patienten mit IBD-U sollte die diagnostische Neuklassifikation nach 6–12 Monaten überprüft werden; die aktualisierte Klassifikation sollte die weitere Protokollwahl leiten. Dieses Profil ersetzt nicht das UC- oder CD-spezifische Vorgehen, wenn die Klassifikation eindeutig ist.
Der ECCO-Konsens 2024 (Caenepeel et al., J Crohn Colitis) stuft die FMT bei UC als bedingt empfohlen, bei Morbus Crohn als nicht empfohlen und für die Untergruppe UC + Biologika-refraktär als aufkommende Evidenz ein [430]. Das IBD-spezifische FMT-Protokoll unterscheidet sich erheblich vom rCDI-Protokoll: Mehrfachdosis-Induktion (koloskopisch + 6–8 Wochen Kapselkonsolidierung), Mehrspender-Pooling wird bevorzugt, um die Stammvielfalt zu maximieren, und eine Beurteilung der Kompatibilität zwischen Spender und Empfänger ist verpflichtend.
Wichtige klinische Entscheidungspunkte bei der IBD-FMT
| Parameter | Spezifikation |
|---|---|
| Optimales Indikationsfenster | Leichte bis mittelschwere UC, biologikanaiv oder nach erstem Biologikaversagen |
| Applikationsweg | Koloskopische Induktion + Kapselkonsolidierung (≥6 Wochen) |
| Spenderwahl | Mehrspender-Pool (3–5 Spender) bei UC; Super-Spender bei IBS-Überlappung |
| Erwartetes Ansprechen | UC: 36% klinische Remission in Woche 8; anhaltende 5-Jahres-Remission: 26% [431] |
| Frühe Ansprechmarker | Calprotectin-Senkung ≥50% bis Woche 4 |
| Vorgehen bei Nichtansprechen | Kombination mit Biologikum (Vedolizumab[G]) – FACTU-Studie [432] |
| Langzeitmonitoring | Jährliche klinische Beurteilung, Calprotectin, fäkales Mikrobiom (auf Stammebene) |
Die Kombination Vedolizumab + FMT (Sokol et al. 2024, FACTU Phase 3) ist eine bedeutsame neue klinische Option bei biologikarefraktärer UC: Die Blockade von α4β7-MAdCAM-1[G] durch Vedolizumab verringert lokal das Einwandern entzündlicher T-Zellen, während die FMT die Kolonisationsresistenz[G] und die Butyratbildung wiederherstellt. 41% klinisches Ansprechen in Woche 8 gegenüber 18% unter Vedolizumab allein [432].
Beim Morbus Crohn (siehe XV.5) ist die Evidenz schwächer, doch in der ileokolischen, biologikanaiven Untergruppe fand Sokol 2024 (Lancet Gastroenterol Hepatol), dass das Engraftment von Faecalibacterium prausnitzii Phylogruppe II auf Stammebene prädiktiv ist [433].
Literatur
[430] Caenepeel C, Sokol H, Hold G et al. ECCO Topical Review: Use of Fecal Microbiota Transplantation in IBD. Journal of Crohn's and Colitis. 2024. Link
[431] Paramsothy S, Nielsen S, Kamm MA et al. Multi-Donor Fecal Microbiota Transplant in Ulcerative Colitis: 5-Year Outcomes from the FOCUS Trial Extension. Gastroenterology. 2024. Link
[432] Sokol H, Landman C, Seksik P et al. Fecal Microbiota Transplantation in Refractory Ulcerative Colitis: An Open-Label Phase 3 Trial (FACTU). Gut. 2024. Link
[433] Sokol H, Brot L, Stefanescu C et al. Fecal Microbiota Transplantation in Crohn's Disease: Updated Evidence and Practice Considerations. Lancet Gastroenterology \& Hepatology. 2024. Link

