XV. 6. Profil 6: Reizdarmsyndrom (IBS)
Beim Reizdarmsyndrom ist das Ansprechen sehr individuell: Der diarrhödominante Typ spricht am besten an, und hier wirkt ein einzelner, sorgfältig ausgewählter Super-Spender besser als ein Pool.
| Parameter | IBS-spezifische Angaben |
|---|---|
| Evidenzniveau | ★★☆☆☆ Begrenzt. Kleine RCTs mit gemischten Ergebnissen; Ansprechen stark heterogen; die Spenderauswahl erscheint entscheidend (Super-Spender-Effekt). Die FMT befindet sich bei IBS im Stadium der klinischen Prüfung. |
| Mechanismus der Dysbiose | Dysregulation der Darm-Hirn-Achse; veränderte Serotonin-Signalgebung (90% des körpereigenen Serotonins wird im Darm gebildet); SIBO in der IBS-D-Untergruppe; viszerale Hypersensitivität, verstärkt durch mikrobielle Metabolite; postinfektiöse Dysbiose in einer Untergruppe. |
| Primäre Mikrobiota-Ziele | Normalisierung des Prevotella:Bacteroides-Verhältnisses. Behandlung einer SIBO-Komponente, sofern vorhanden. Verringerung der Proteobacteria. Unterstützung der Stabilität der SCFA-bildenden Gemeinschaft. |
| Protokollanpassung | Vollständiges 4-Phasen-Protokoll. Spenderauswahl entscheidend – die Kompatibilitätsbeurteilung in Phase 0 ist bei IBS klinisch wichtig. Postinfektiöses IBS spricht möglicherweise besser an als funktionelles IBS. IBS-D (diarrhödominant) zeigt nach der derzeitigen Evidenz ein höheres Ansprechen auf die FMT als IBS-C. |
| Mindestdauer des Transfers | 60 Tage. Bei langsamem oder teilweisem Ansprechen angesichts der heterogenen Krankheitsbiologie auf 90 Tage verlängert. |
| Vorrangiger Exposom-Schwerpunkt | Maßnahmen an der Darm-Hirn-Achse sind gleichrangig primär: die Bewältigung psychischer Belastung ist ebenso wichtig wie die Ernährung. Low-FODMAP-Diät als Begleitmaßnahme während der Induktion. Schlafqualität (moduliert die viszerale Empfindlichkeit unmittelbar). Achtsamkeitsbasierte Ansätze bei viszeraler Hypersensitivität. PPI ohne klare Indikation vermeiden (SIBO-Risiko). |
| Erwarteter zeitlicher Verlauf des Ansprechens | Sehr variabel. Manche Patientinnen und Patienten: deutliche Besserung innerhalb von 4 Wochen. Andere: allmähliche Besserung über die gesamte Konsolidierung. Eine Gesamtbeurteilung nach 12 Wochen wird empfohlen. |
| Warnzeichen (IBS-spezifisch) | Unerklärte rektale Blutung (IBS verursacht keine Blutung – immer abklären). Nächtliche Symptome, die aus dem Schlaf wecken (an eine IBD-Differenzialdiagnose denken). Deutlicher unbeabsichtigter Gewichtsverlust. Neue Alarmsymptome während der Konsolidierung. |
Tabelle 17 – Klinisches Profil: Reizdarmsyndrom (IBS) # Protokollparameter, Evidenzniveau und IBS-spezifische klinische Anpassungen.
Die aktuellste internationale Leitlinie, die auch das Reizdarmsyndrom abdeckt, ist die AGA-Leitlinie für die klinische Praxis von 2024 (Peery und Kollegen, Gastroenterology): Sie spricht sich bei Erwachsenen mit IBS gegen den Einsatz der konventionellen fäkalen Mikrobiotatransplantation außerhalb klinischer Studien aus. Die Empfehlung ist bedingt, die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz sehr gering. [447] Die bislang publizierten randomisierten FMT-Studien beim Reizdarmsyndrom sind klein, methodisch heterogen und in ihren Ergebnissen widersprüchlich; einzelne von ihnen legen nahe, dass ein sorgfältig ausgewählter einzelner Spender (Super-Spender) einem Mehrspender-Ansatz überlegen sein könnte, eine reproduzierbare Ansprechrate oder ein dauerhafter Langzeitnutzen ist damit aber nicht belegt. Konkrete Prozentangaben zum Ansprechen auf die FMT beim Reizdarmsyndrom sind daher als vorläufig zu behandeln. [016]
Klinisches IBS-FMT-Protokoll (2024)
| Parameter | Spezifikation |
|---|---|
| Indikationsuntergruppe | IBS-D (diarrhödominant), schweres oder refraktäres Symptomprofil |
| Applikationsweg | Kapsel (bevorzugt, ambulant) oder Duodenalsonde |
| Spenderwahl | Einzelner Super-Spender – archivierter Spender mit hoher Ansprechrate |
| Erwartetes Ansprechen | Nicht belegt; die in kleinen Studien berichteten Ansprechraten sind heterogen, die Dauerhaftigkeit ist nicht gesichert |
| Begleitende Lebensstilmaßnahme | FODMAP-Reduktion in den ersten 4 Wochen, danach schrittweise Wiedereinführung |
| Klinischer Marker | Senkung des IBS-SSS-Scores um ≥50 Punkte bis Woche 8 |
Bei IBS-C (obstipationsdominantes IBS) ist die Evidenz für die FMT für den klinischen Einsatz unzureichend [016]. Beim IBS-M-Profil (gemischt) ist die Evidenz spärlich. Patientinnen und Patienten müssen informiert werden: Die FMT bei IBS-D ist im Rahmen klinischer Studienprotokolle verfügbar und kann nach klassischen diätetischen und pharmakologischen Ansätzen erwogen werden.
Mechanistischer Rahmen
Das modernisierte Konzept der FMT bei IBS beruht auf der Modulation der Darm-Hirn-Achse[G]: Butyrat und andere SCFAs[G] beeinflussen die viszerale Hypersensitivität und die Motilität. Die Auswahl des Super-Spenders stützt sich auf die nachgewiesene höhere SCFA-Bildungskapazität im Mikrobiomprofil dieses Spenders.
Literatur
[016] Cammarota G, Ianiro G, Tilg H et al. European consensus conference on faecal microbiota transplantation in clinical practice. Gut. 2017. Link
Europäische Konsensuskonferenz zur Erarbeitung evidenzbasierter Empfehlungen zur FMT in der klinischen Praxis, an der 28 Experten aus 10 Ländern in Arbeitsgruppen mitwirkten. Die Statements wurden über eine evidenzbasierte Übersicht erstellt, elektronisch in einem Delphi-Verfahren bewertet und in einer Plenar-Konsensussitzung finalisiert. Die Empfehlungen umfassen FMT-Indikationen, Spenderauswahl, Aufbereitung des Stuhlmaterials, klinisches Management, Applikation des Stuhls sowie Mindestanforderungen für die Einrichtung eines FMT-Zentrums. Das Dokument liefert den europäischen Standardisierungsrahmen für eine sichere und geregelte FMT-Anwendung.
[447] Peery AF, Kelly CR, Kao D et al. AGA Clinical Practice Guideline on Fecal Microbiota-Based Therapies for Select Gastrointestinal Diseases. Gastroenterology. 2024. Link
Klinische Praxisleitlinie der AGA, die anhand des GRADE-Rahmens stuhlmikrobiota-basierte Therapien (konventionelle FMT, fecal microbiota live-jslm, fecal microbiota spores live-brpk) bei Erwachsenen mit rezidivierender oder schwerer bis fulminanter Clostridioides difficile-Infektion, IBD/Pouchitis und IBS behandelt. Das Gremium formulierte 7 Empfehlungen. Bei immunkompetenten Erwachsenen mit rezidivierender CDI empfiehlt die AGA den selektiven Einsatz stuhlmikrobiota-basierter Therapien nach leitliniengerechter antibiotischer Behandlung zur Verhinderung weiterer Rezidive. Die Leitlinie bietet einen Rahmen, der FDA-zugelassene Präparate mit der konventionellen FMT integriert.

